Fantasy, der (Substantiv, maskulin)

Neulich habe ich mir die Mühe gemacht, zu zählen.

Die Filialbuchhandlung meiner Stadt gehört nicht zu einer der ganz großen Ketten, aber in immerhin ca. 50 süddeutschen Fußgängerzonen findet man das rote Logo. Die Fantasy-Abteilung umfasst drei Regaleinheiten. Ich zähle 64 unterschiedliche Autorennamen.

Davon weiblich: 4. Das sind etwa 2,5 %.

Die Kolleginnen, die da tapfer die Stellung halten, sind Liza Grimm, Trudi Canavan, Nalini Singh und Lara Adrian. Von jeder Kollegin stand immerhin ein einzelnes Buch im Regal. Von geschätzten 12 Metern Regalfläche entfielen vielleicht 15 oder 20 cm auf die Buchrücken der Kolleginnen. Ich mag den Prozentsatz nicht ausrechnen. (Es sind ca. 1,3 %.)

Wie kommt das? Wie kann das sein? Wo sind all die phantastischen Autorinnen?

Ich gehe suchen und finde sie – in der Jugendbuchabteilung. Dort sortiert man großzügig auch die sogenannte „Romantasy“ ein, also Liebesromane mit phantastischen Elementen. Das Sortiment auf diesen zwei Regalmetern enthält deutlich weniger flächig präsentierte Titel, dafür mehr Vielfalt. Das Geschlechterverhältnis ist hier deutlich ausgewogener – gefühlt fifty-fifty.

Natürlich ist dies eine Stichprobe. Ich lehne mich aber vermutlich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass man, zählte man in anderen Filialbuchhandlungen, auf sehr ähnliche Ergebnisse käme. Zu vertraut ist der Anblick.

Zurück ans Fantasyregal. Es fällt auf: Hier stehen ausschließlich Publikationen aus großen Publikumsverlagen. Einzige Ausnahme: Ein regionaler Selfpublisher hat es geschafft, seine Staffelberg-Romane ins Regal zu bekommen. Bei den Großen erscheinen auch die Großen: Tolkien, Eddings, Williams, Asimov – Autoren, die im vorigen Jahrhundert geschrieben haben, teilweise noch zu Zeiten, in denen Männer ihren Frauen verbieten durften, arbeiten zu gehen. Um fair zu sein, muss man die aus der Rechnung nehmen, aber selbst wenn man es tut – es macht’s nicht besser.

Woran liegt diese massive Überrepräsentanz männlicher Autoren im Großverlags-Fantasybereich? Schreiben so wenige Frauen High Fantasy und Sci Fi? Liegt es an männerbündlerischen Strukturen in den Publikumsverlagen, vergleichbar mit dem oberen Management von Konzernen? Macht sich auch hier wie in vielen anderen Branchen der Familienplanungs-Karriereknick bemerkbar, den Frauen immer noch so viel deutlicher erleiden als Männer? Können Frauen einfach keine Fantasy?

Einigen wir uns darauf, dass es am Können vermutlich nicht liegt. Darüber hinaus – ich wüsste es gern, hab aber keine Antwort.

Aber das ist die Welt da draußen. Das ist, wie Fantasy von 90 % der lesenden Menschen rezipiert wird. Nicht nur Geeks lesen Fantasy – auch Leute, die gerade mal genug von Krimis haben, und da kam doch kürzlich diese Serie im Fernsehen, die mit den Drachen, und schau, da steht die im Regal. Das ist die Welt jenseits unserer heilen Welt zwischen Kleinverlag und Convention. Wenn sich aus dieser Welt mal ein Leser zu einem meiner High Fantasy Romane verirrt, dann schreibt er eine aufrichtig freundlich gemeinte Rezension: dieses Buch sei der Beweis, dass dass auch Frauen Fantasy schreiben können. Es ist so selten, es ist eine Erwähnung wert.

Wir haben in der Kleinverlags- und Nerdszene eine Vielzahl an schreibenden Frauen, Horror, High Fantasy, Historische Fantasy, auch Romantasy, da ist alles dabei. Aber Kleinverlage wären nicht Kleinverlage, wenn sie massive Marktdurchdringung hätten. Diversität im Fantasybereich ist eine Graswurzelbewegung, und Gras wächst nicht sonderlich schnell.

Alles Mist also? Melden wir uns bei der Volkshochschule zum Klöppelkurs an, statt einen neuen Roman zu schreiben? Nein, natürlich nicht. Wir schreiben weiter und sorgen in unseren Geschichten für Diversität. Aber nur weil wir auf einem grünen Fleckchen sitzen, sollten wir nicht die Wüste, die uns umgibt, für den Englischen Garten halten.

Susanne Pavlovic schreibt Fantasy im Amrun Verlag und lektoriert Bücher für Selfpublisher und Verlage.

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