Interview zwischen Romance und Horror – Thomas Williams und Anastasia Donavan

ANASTASIA: Der Tequila steht bereit, ich wäre dann so weit. Wie sieht es bei dir aus?

THOMAS: Bin soweit. Habe Bier.

ANASTASIA: Cheers. Also dann fangen wir mal mit einer Standardfrage an.
DRAMAQUEEN: (gähnt) Wann hast du deine erste Geschichte geschrieben?

THOMAS: Uff, da war ich neun Jahre alt, oder so. Ich war schon damals Comicfan und wollte zeichnen, aber weil ich das noch nie konnte, habe ich geschrieben.

ANASTASIA: Das kommt mir bekannt vor. :-)

THOMAS: Früh zu schreiben oder nicht zeichnen können? Eine gerade Linie sieht bei mir aus, wie ein Autounfall.

ANASTASIA: Beides :-D Du bist dran ;-)

THOMAS: Ironischer Weise kann meine Frau toll zeichnen. Wir ergänzen uns. Okay, hier meine erste Frage: Schreibst du jeden Tag?

DRAMAQUEEN: Wenn es nach mir ginge jede Nacht. Doch leider gibt es ein reales Leben, dass uns vor allem letztes Jahr einige “Stürme” beschert hat. Seit Januar überarbeite ich allerdings meine Geschichte. Im besten Fall an drei Nächten der Woche.

THOMAS: Klingt so, als könnte man mit einem neuen Buch von dir rechnen.

ANASTASIA: Ich befürchte es werden eher mehrere, denn mein Manuskript umfasst 1.000 Normseiten.

DRAMAQUEEN: Ohne Verortung, denn das haben wir erst im Lektorat Dank David Rohlmann gelernt. An Manuskripten mangelt es mir nicht, aber leider an der Zeit sie zu überarbeiten. Doch meine Geschichte über Luna & Jesse möchte ich auf jeden Fall noch dieses Jahr an den Herrn Verleger schicken.

Zurück zu dir. Inspirieren dich die Erfahrungen mit bestimmten Menschen, denen du im Alltag begegnest?

DRAMAQUEEN: z. B. Hamsterkäufer?

THOMAS: Hamsterkäufe haben mich zwar nicht inspiriert, aber ich dachte mir im Supermarkt, dass sich so also Zombiefilme anfühlen. Es kommt jedoch vor, dass ich bestimmte Gestalten sehe und mir etwas zu ihnen ausdenke. Viel häufiger passiert es, dass ich an bestimmten Veranstaltungen teilnehmen muss, die mir nicht gefallen. Wenn ich mich dort langweile oder richtig unwohl fühle, überlege ich, was das Schlimmste ist, was dort passieren kann. So entstand meine Kurzgeschichte “90er Jahre Trashparty”. Ich war auf einer solchen und es liefen Lieder von den Backstreet Boys, Britney Spears und so. Ich dachte: “Was ist das Schlimmste, was hier passieren kann? … Draußen geht die Welt unter und hier drinnen läuft die Musik trotzdem weiter.”

ANASTASIA: :-D :-D :-D Das gefällt mir sehr gut.
DRAMAQUEEN: 90er Jahre Trashparty” müssen wir uns mal genauer angucken :-)

THOMAS: Zu meiner Verteidigung: Ich höre Heavy Metal und musste an diesem Abend fahren … Also kein Alkohol.

ANASTASIA: Ebenso wie ich lässt du dich von deinen Gefühlen leiten und es gibt Lieder die dich inspirieren.

DRAMAQUEEN: Du bist zwar an der Reihe, aber ich muss das jetzt fragen: Wie geht es dann weiter? Planst du den Ablauf deiner Geschichten, oder lässt du dich von deinen Emotionen leiten?

THOMAS: Ich habe immer nur ein paar Notizen und Ideen, aus denen eine Geschichte entsteht. Meine Figuren führen ein Eigenleben. Ich lenke sie also nicht, versuche auch nicht zu helfen, obwohl hier und da ein kleiner Stoß in die richtige Richtung nötig ist. Also, ich beobachte nur und verfolge die Geschichte selber als Zuschauer. Oft habe ich dabei bestimmte Lieder im Kopf, oder höre das passende Album, um mich von der Stimmung etwas mitreißen zu lassen. Aber wirklich planen tue ich kaum etwas. Das meiste geschieht beim Schreiben, wenn ich einfach nur zugucke.

DRAMAQUEEN: Also ein Herzblutautor <3

THOMAS: Spoiler: Ich muss meine Frau zu einem Hip Hop Event begleiten. Wetten, dass ich mit jeder Menge Inspiration wiederkomme? Nächste Frage: Bist du leicht abzulenken?

ANASTASIA: Hip Hop? Yeah, deine Frau hat einen tollen Musikgeschmack :-)

Ich und ablenkbar >:o
DRAMAQUEEN: Wenn ich nicht dafür sorgen würde, dass sie Facebook, Instagram, Twitter und Co. ausschaltet, würde sie alle zwei Minuten nachschauen ob “was wichtiges” passiert ist >:o
ANASTASIA: Nur bei der Überarbeiten, denn verdammt das Wort “arbeiten” steckt zu Recht in dem Satz und meine Dramaqueen sorgt dafür, dass ich selbst an den einfachsten Satzwendungen wie “als” zweifle.
DRAMAQUEEN: Wobei mir hier Papyrus Author Recht gibt und eine Überprüfung der Notwendigkeit vorschlägt ;-)
ANASTASIA: Bei der Entstehung meiner Geschichten hingegen sieht es anders aus. Sobald meine Playlist läuft fliegen meine Finger über die Tasten und ich muss mir einen Wecker stellen um überhaupt irgendwann ins Bett zu gehen.
DRAMAQUEEN: Erinnerst du dich noch daran als deine Prinzessin das letzte Mal mit einer Tasse Kaffee vor dir stand und dir einen “Guten Morgen” wünschte?
ANASTASIA: Um deine Frage zu beantworten: Es kommt darauf an was genau ich mache. Bei der Überarbeitung lenkt mich selbst eine Fliege ab, beim Schreiben der Rohfassung bremsen mich nur meine Emotionen, denn ich steigere mich so in meine Geschichten hinein, dass ich körperlich und seelisch mit meinen Heldinnen mitleide. Je nachdem wir stark, brauche ich zwischendrin Pausen. Oh verdammt ich bin echt drüber heute. Es soll natürlich heißen “Nur bei der Überarbeitung, denn das Wort “Arbeiten” steckt zu Recht in Überarbeitung.

THOMAS: Die Frage nach Playlists kann ich mir also sparen :-D

ANASTASIA: Ich habe für jede meiner Geschichten eine eigene Playlist mit Songs die meine Dramaqueen dabei unterstützen mich emotional fallen zu lassen. Die Playlist zu “Ain’t nobody” findest du auf Youtube.

DRAMAQUEEN: Alle anderen auch, aber sie sind “privat”.

ANASTASIA: Ohne Musik könnte ich genau so wenig Leben wie ohne Luft. Am meisten liebe ich die Songs die nicht nur meine Ohren berühren, sondern meine Seele. Sie sind es auch, die mich zu meinen vier Geschichten inspiriert haben.

Wir mögen beide Musik, aber ich weiß, dass du auch ein großer Comic Fan bist. Welcher Superheld wärst du, wenn unsere Welt sich in einen Comic verwandelt?

DRAMAQUEEN: Antihelden zählen auch.

THOMAS: DAS ist fies! Also, Anti-Helden ist ein gutes Stichwort, da ich ein großer Ghost Rider Fan bin. Hallo? Guck dir mal sein Motorrad an. Aber fliegen wie Superman und mit Hitzeblick um sich feuern, wäre auch cool. Oder das Batmobil fahren. Batmans Bankkonto plündern … Oder wie Spider-Man durch die Häuserschluchten schwingen. Boah, das ist echt schwer :-D Wäre ich ein Superheld, wäre ich wohl genauso tollpatschig wie im wahren Leben. Die Avengers würden mich dauernd mit irgendetwas anderem beauftragen, um ohne mich auf Mission zu gehen. Iron Mans Rüstungen polieren oder so.

ANASTASIA: googelt Ghost Rider
DRAMAQUEEN: Das Batmobil würde ich auch gerne fahren.
ANASTASIA: Ich stelle gerade fest, dass wir einige Gemeinsamkeiten haben, denn ich trage seit heute den Titel “verplanteste Mutter ever” (O-Ton meiner Prinzessin) :-D
DRAMAQUEEN: Gut, dass wir nicht perfekt sein wollen, sondern echt :-) 

THOMAS: Du kennst Ghost Rider nicht??? Okay, der ist nicht so bekannt und die Filme waren mies. Ich habe ihn als Kind entdeckt. In den Neunzigern waren die Comics richtig düster und brutal. Meine Eltern hätten mir nie erlaubt es zu kaufen… ICH MUSSTE ES HABEN!!! Was ich damals schon toll fand war, dass es eine Horrorserie im Marvel Universum ist. Argh, ich schweife ab. Sorry. Bei Comics kommt der Hulk … Äh, Nerd aus mir raus.

ANASTASIA: Ich kenne die meisten Superhelden erst seitdem ich meinem echten Helden begegnet bin. Zumindest versucht mein Mann mir die Welt der Comics näher zu bringen.
DRAMAQUEEN: Im Gegenzug mussten wir ihm erklären wer Brad Pitt ist. Hallo? Das gehört zur Allgemeinbildung.

THOMAS: Dein Mann ist ein guter Mann. Und Brad Pitt war mal als Captain America im Gespräch … Sorry, ich mache es schon wieder. Ich suche mal die nächste Frage raus.

Du schreibst Drama und Geschichten mit viel Herzschmerz, die in unserer Welt spielen. Kannst du dir vorstellen, auch mal übernatürliche Elemente zu benutzen?

ANASTASIA: Über die Frage habe ich tatsächlich mal nachgedacht. Allerdings in Bezug auf Horror, nachdem meine Mutter beim Testlesen eine Stelle aus “Luna” damit kommentiert hat, dass sie solche Szenen selbst in brutalen Thrillerbüchern noch nicht gelesen hat und sie eher aus einer Horrorgeschichte stammen könnte. Sie befürchtete, dass nicht sie anschließend mit Übelkeit kämpfen muss, sondern auch meine Leserinnen. Nach einer Diskussion mit meiner Dramaqueen, habe ich ihr mitgeteilt, dass ich inhaltlich nichts an der Textstelle ändern werden. Nicht für alle ist das Leben eine rosarote Wolke und die Realität kann einem Horrorfilm gleichen.

DRAMAQUEEN: Du schweifst ab.

ANASTASIA: Wer meine Dilogie “Ain’t nobody” gelesen hat, weiß wovon ich spreche, aber meine Dramaqueen hat Recht. Ebenso wie als Leserin, kann ich mir auch als Autorin vorstellen mal eine andere Geschichte zu schreiben.

DRAMAQUEEN: Nur vorstellen, nicht umsetzen.

ANASTASIA: Meine Geschichten entstehen nicht auf dem Papier, oder nach einem Blick in die Bestsellerliste um zu sehen was gerade angesagt ist. Ebenso wie “Ain’t nobody” habe ich auch meine anderen Geschichten nicht geplant, sondern sie kamen durch einen Song zu mir. Kennst du das, wenn du aufwachst und dich nur an Bruchstücke aus einem deiner Träume erinnern kannst? So geht es mir mit meinen Geschichten. Sobald das erste Bruchstück auftaucht, stelle ich eine Playlist zusammen und fange an zu schreiben. Was dabei herauskommt weiß ich nicht und irgendwie passen meine Geschichten auch in keine Schublade. “Ain’t nobody” passt weder in die “Young Adult” noch in die “New Adult” Schublade.

DRAMAQUEEN: Ich hasse es, dass wir alles in Schubladen zu stecken, aber ich musste einsehen, dass es manchmal nicht anders geht. Doch ich bestehe darauf, dass unsere Geschichten als Drama-Romance bezeichnet werden. Selbst, wenn diese Genres offiziell nicht existiert.

THOMAS: Dann habt ihr vielleicht ein neues Genre erfunden ;-)

ANASTASIA: :-D Wohl kaum, denn Libri, Amazon und Co, oder wer auch immer dafür verantwortlich ist, interessieren meine Befindlichkeiten wohl kaum. Davon abgesehen kenne ich eine Vielzahl an Autorinnen deren Geschichten ebenfalls nicht in die gängigen Schubladen passen. Doch ich kann damit leben und sie hoffentlich ebenso. Irgendwie ticken wir ja doch ähnlich, denn ich kam bei der Zusammenstellung meiner Fragen an dich auf dieselbe Idee wie du.
DRAMAQUEEN: “Zwei Dumme, ein Gedanke” oder “Schicksal”.
Schicksal natürlich :-) und jetzt zur Frage: Unsere Geschichten sind im Amrûn Verlag Zuhause, aber in unterschiedlichen Schubladen. Kannst du dir vorstellen irgendwann mal eine Liebesgeschichte zu schreiben?

THOMAS: AHAHAHAAA!!! Oh, Gott! Ich bin so romantisch wie ein Hexenschuss … Okay, das klingt schlimm, denn schließlich bin ich verheiratet… Aber ernsthaft: Romantik liegt mir gar nicht. Allerdings denke ich über eine Horrorlovestory nach. Der Plot existiert schon, es fehlt im Moment nur an Zeit, sie zu schreiben. Die Geschichte wird sehr schräg, humorvoll und blutig. Ich glaube, es wird mehr eine Horrorkomödie, als eine Liebesgeschichte, aber es geht um eine verlorene Liebe, die jemand zurückgewinnen will. Worüber ich auch immer wieder nachdenke ist etwas wie “Gänsehaut” von R.L. Stine. Horror für Kinder bzw. Teenager. Das dürfte einige wundern, die meine Geschichten kennen, jedoch spielt Humor in diesen ohnehin immer eine Rolle. Ich müsste nur den Blutpegel etwas runterschrauben.

ANASTASIA: Deine Antwort erinnert mich an einen Film in dem sich ein Zombie in einen Menschen verliebt und sie mitnimmt. Um nicht aufzufallen muss die Frau so tun als sei sie ein Zombie. Keine Ahnung wie der Film heißt, aber ich fand ihn gut. Das passiert mir selten bei Filmen in denen Zombies eine Rolle spielen. Daher plädiere ich auf jeden Fall dafür, dass du dir die Zeit für deine Horrorlovekomödienstory nimmst :-)
DRAMAQUEEN: Nur damit du es weißt: Mit deinem Geständnis hast du gleich eine der nächsten Fragen gekillt.

THOMAS: Der Film heißt Warm Bodies und ich persönlich mochte ihn nicht. Aber ich liebe Shaun of the Dead, der sich auch als Liebeskomödie mit Zombies bezeichnet ;-)

Stellst du dir bestimmte Schauspieler als deine Figuren vor?

ANASTASIA: Puh schwierige Frage. Falls du wissen willst ob mein Kopfkino beim ersten Gedanken an die Geschichte Schauspieler als meine Figuren projiziert, dann Nein. Bei der Entstehung von Ain’t nobody betrifft habe ich auch später keine Schauspieler / Prominenten zur Visualisierung gehabt. Das liegt allerdings daran, dass viele Figuren aus der Geschichte einen Bestandteil meines Lebens bilden / gebildet haben. Einige Männer aus denen ich Karim und seine Freunde kreierte stehen mir bis heute sehr nah. Allerdings konnte und wollte ich für das Marketing nicht ihre Fotos verwenden. Bei der Googlesuche im Internet fand ich “Omar Borkan Al Gala” und eines seiner Fotos erinnerte mich an den realen Karim.

DRAMAQUEEN: Außerdem fand sie heraus, dass eine Plattform mit dem Namen “Pinterest” interessiert, die sofort mein Interesse weckte.

ANASTASIA: Ich habe mehrere Boards dort mit Fotos zu meinen Geschichten. Einige sind von Schauspielern, aber bei “Luna” sind es vor allem Dinge wie Orte, oder Gebrauchsgegenstände.

THOMAS: Während ich eine weitere Frage gekillt habe, hast du schon mehrere gekillt :-D

DRAMAQUEEN: Sehr gut, dass ist nur fair ;-)
ANASTASIA: Mir kommt unser Interview mit jeder Frage gruseliger vor. Keine Ahnung, ob es daran liegt dass ich heute noch weniger auf der Höhe bin als sonst, oder wir beide keine professionellen “Interviewer” sind und ich daher nicht damit gerechnet habe.
DRAMAQUEEN: Hinter der Frage steht nicht exakt der selbe Gedanke, aber das lasse ich gelten. Hast du mein Laptop gehackt? ;-)
Welchen Politiker / Prominenten würdest du gerne in der Erntenacht auf ein Kornfeld schicken?

THOMAS: Politiker? Alle. Promis? Matthias Schweighöfer, Til Schweiger und wie sie alle heißen. Dann könnte ich wieder ins Kino gehen, ohne Trailer zu ihren Filmen befürchten zu müssen.

DRAMAQUEEN: Oh bitte lass deine Fantasie zur Realität werden!

ANASTASIA: Ich stimme dir voll zu und habe auch schon einige Ideen über den Verlauf der Geschichte. Und das ohne deine Geschichte in “Erntenacht” zu kennen…
DRAMAQUEEN: Es gibt nur wenig zwei Filmfiguren bei denen wir mehr als nur Angst bekommen. Eine davon ist der “Creeper”. Seitdem ich das Cover von “Erntenacht…” heute auf meine Twitter TL gesehen habe, muss ich an die Augen denken.

THOMAS: Echt? Ich hatte den Creeper noch gar nicht mit der Erntenacht in Verbindung gebracht. Inhaltlich haben sie auch nichts miteinander zu tun. Meine Geschichte ist übrigens eine Art Spin Off zu meiner Story “Zwergenaufstand” die auch im Amrûn Verlag erschienen ist.

ANASTASIA: Alleine der Anblick eines Kornfeldes, oder das Wort selbst reicht aus und meine Dramaqueen erinnert mich sofort daran. Ich kann auch schon länger als mein halbes Leben nicht mehr näher an eine bestimmte Art Straßengully gehen. Eher wechsel ich die Straßenseite / geplante Route. Klingt verrückt, aber so bin ich manchmal.

THOMAS: Hmmm… Traumatisiert hat mich nur der Anfang von “Der weiße Hai”, weil ich damals noch nicht schwimmen konnte und meine Eltern einen Strandurlaub in Spanien planten … Aber heute zählt der Film zu meinen Lieblingsfilmen und ich habe ein Autogramm von Susan Backlinie. Das erste Opfer des Hais. Uff, je später die Stunde, desto häufiger die Rechtschreibfehler :-o

ANASTASIA: Ich finde es sehr höflich von dir, dass du dich aus Solidarität, verschreibst :-D
DRAMAQUEEN: 2 x 3 macht 4, Widdewiddewitt, und Drei macht Neune !! Ich mach’ mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt ….
ANASTASIA: Auf jeden Fall interviewen wir uns seit fast 3 Stunden, während unsere gemeinsame Signierstunde auf der LBM nur eine Stunde lang geplant war. Was den Spaßfaktor anzieht, kann ich zwar leider keinen Vergleich ziehen, aber unser Interview zählt schon jetzt zu meinen Top 10 :-)

DRAMAQUEEN: Gibt es eigentlich noch Fragen die ich nicht zerschossen habe? ;-)

THOMAS: Danke, mir macht es auch sehr viel Spaß. Apropos: Du erwähntest mal, dass du als Kind mit He-Man Figuren gespielt hast. Alsoooo … Welche „Masters of the Universe“ Figur war deine liebste?

ANASTASIA: Mein Sandkastenfreund hat mich immer damit erpresst, dass er sich von seinem Taschengeld She-Ra zusammenspart, wenn ich Skeletor nehmen, weil er He-Man wollte. Nach She-Ra war meine Lieblingsfigur allerdings Panthor. Ich habe noch einige Fragen für dich, allerdings befinde ich mich geistig inzwischen mehr im Schlaf als wach und versuche nicht darüber nachzudenken wie viel verhackstückelte Sätze meine Fragen / Antworten beinhalten.
DRAMAQUEEN: Ich freue mich jetzt schon darauf, wenn es veröffentlicht wird und beginne bereits damit einen Sturm zu kreieren :-D
ANASTASIA: Nicht witzig und daher gehe ich jetzt auf Nummer sicher :-)
Süßes, oder Saures?

THOMAS: Öh … Süßes? Bei Saures denke ich immer an eine Faust aufs Auge :-D Bevor du dich quälst, können wir auch zum Schluss kommen. Das Interview ist ja schon recht lang.

ANASTASIA: Mich quält so einiges, Exposés zum Beispiel, aber nicht unser Interview :-) Gab es für dich als Autor eigentlich mal ein Horrorerlebnis? Egal ob beim Schreiben, der Suche nach einem Verlag, oder nach der Veröffentlichung.

THOMAS: Da musste ich jetzt etwas drüber nachdenken, aber es fällt mir nichts ein. Zwar bin ich nicht mit jedem Verlag zufrieden gewesen, das weiß man manchmal halt erst hinterher, aber ich würde es nicht als Horrorerlebnis bezeichnen.

ANASTASIA: Möchtest du vielleicht mein nächstes Exposé verfassen ;-) Auf jeden Fall beruhigt mich deine Antwort, denn im Gegensatz zu dir habe ich bisher wenig veröffentlicht und keine Erfahrungswerte.

THOMAS: KLAPPENTEXTE!!! Einen Klappentext zu verfassen ist der Horror! In der Hölle muss man den ganzen Tag Klappentexte zu Filmen mit Til Schweiger verfassen.

Du scheinst Happy Ends zu mögen, aber ich kann mir vorstellen, dass deine Figuren auf dem Weg dorthin einiges mitmachen. Sonst gäbe es ja kein Drama. Kennst du immer das Ende deiner Geschichten und leidest du mit deinen Charakteren obwohl du vielleicht weißt, dass alles gut geht?

ANASTASIA: Echt? Ich habe es geliebt die Klappentexte von “Ain’t nobody” zu verfassen.

DRAMAQUEEN: Er spricht von brauchbaren Klappentexten.

ANASTASIA: Okay der zu “Halte mich” war in mancher Hinsicht nicht aussagekräftig genug und ich danke dem Herrn Verleger bis heute dafür, dass er mir Hilfe zur Seite stellte.

Mit Happy Ends in Geschichten ist es wie mit dem echten Leben. Wir alle wünschen uns einen Himmel voller Glocken, aber die Realität sieht anders aus und da ich meine Geschichten sehr realistisch erzähle…
DRAMAQUEEN: Stopp!
ANASTASIA: Okay sagen wir es so: Bei mir gibt es keine Happy End-Garantie! Die Figuren in meinen Geschichten gehen durch die Hölle, denn Themen wie Rassismus, Missbrauch, Essstörungen, oder Gewalt sind nicht leicht zu verarbeiten und unser Rechtssystem (sonst finde ich kein Ende). Doch wie viel Macht hat bedingungsloser Liebe bei so viel Leid? Was bewirkt sie bei den Figuren? Gibt es ihnen die Kraft ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen?
DRAMAQUEEN: Die Antwort findest du in “Ain’t nobody”
ANASTASIA: Ich kannte weder bei “Ain’t nobody” noch bei meinen anderen Geschichten das Ende, bevor ich das magische Wort unter mein Manuskript tippte.
DRAMAQUEEN: Stichwort: Herzblutautorin :-)
ANASTASIA: In dem Moment in dem ich die Geschichte in mir spüre habe ich im Kopf eine klare erste Szene. Manchmal folgt bruchstückhaft wie aus einem Traum eine zweite, aber das passiert mir eher selten. Aus Angst davor die erste Szene zu vergessen notiere ich sie mir sofort. Notfalls fahre ich dafür sogar an den Straßenrand und schalte die Warnblinkanlage an. Auf jeden Fall geschieht alles nach der ersten Szene auf rein emotionaler Ebene ohne eine grobe Planung, oder einen Plot.

THOMAS: Also hast du auch Ideen während der Autofahrt. Ich versuche dann immer verzweifelt, sie mir zu merken.

ANASTASIA: Der Song der mich zu meinem dritten Manuskript inspiriert hat lief im Radio auf der Fahrt in die Arbeit. Ich habe sofort rechts angehalten, die Warnblinkanlage angemacht und die erste Szene aufgeschrieben. Es vergingen also keine 2 Minuten bis ich sie aufschreiben konnte und trotzdem hat meine Dramaqueen mich in der Zeit verrückt damit gemacht, dass ich sie vergesse. Ich glaube den Versuch mir Ideen zu merken, würde ich bitter bereuen. Der ungewöhnlichste Ort um mir eine Szene aufzuschreiben war definitiv auf dem Behandlungsstuhl. Mein Zahnarzt ging davon aus, dass ich mit der erhobenen Hand Schmerzen signalisiere. Sein Gesichtsausdruck war unbezahlbar :-D
DRAMAQUEEN: Ohne Plot muss jede einzelne Idee die zur Geschichte beiträgt sofort aufgeschrieben werden.

THOMAS: :-D Bist du da auch so altmodisch, deine Idee per Hand notieren zu wollen, statt sie ins Handy zu tippen?

ANASTASIA: Findest du das altmodisch? Ich bezeichne es als einen Spleen, aber ja ich habe bisher noch keine einzige Idee in mein Handy getippt. Allerdings habe ich mein Notizbuch dabei, wenn ich es brauche.

DRAMAQUEEN: Dafür gibt es Bedienungsanleitungen von Autos, Kassenzettel, Klopapier, ….

ANASTASIA: Verdammt ich meinte “mein Notizbuch NIE dabei, wenn ich es brauche”.

Hast du ein bestimmtes Schreibritual?

THOMAS: Ich verlege mein Notizbuch dafür dauernd. Zu deiner Frage: Vorm Schreiben schlage ich einen Gong und schreie in ein Kissen… Nee, Quatsch. Da gibt es nichts. Ich hab meinen Arbeitsplatz etwas nerdig eingerichtet. Ein Bild von „Evil Dead“, ein paar Totenschädel, Superheldenfiguren und so, damit ich mich da wohl fühle. Außerdem lauter Stifte und was, um Notizen zu machen.

 ANASTASIA: Dito :-) Alles was mich inspiriert befindet sich auf meinem Schreibtisch was eine Mischung aus Einhörnern, Geschenken meiner Schicksalschwester, Fotos, etlichen Stiften und einer Pinnwand mit meinen Lieblingszitaten führt <3 Du nennst es nerdig, mein Mann bezeichnet meinen Schreibtisch als kitschig. Ich finde beide Bezeichnungen nicht schlimm, denn jeder Autor braucht zum Schreiben seine Hilfsmittel. Sollte ich mal auf die Idee kommen zu plotten hängt wohl ein XXL-Magnetboard an der Wand :-D

THOMAS: Der Ausdruck nerdig stört mich auch nicht. Ich war schon Nerd, bevor das Wort hierzulande benutzt wurde und bevor es plötzlich cool geworden ist, ein Nerd zu sein (Danke, Big Bang Theory) Von meiner Seite aus gibt es keine weiteren Fragen. Die hast du schon beantwortet ;-)

ANASTASIA: Eine tolle Einstellung, die ich teile und sie trifft auch auf die Definition “Bad Boy” zu. Als ich meinen Mann vor fast 20 Jahren kennenlernte habe ich ihn meinen Eltern als Bad Boy beschrieben. Inzwischen nutze ich den Begriff nur noch selten, da es so viele Geschichten mit “Bad Boys” gibt die nicht meiner Definition entsprechen.

THOMAS: So würde ich mich allerdings nie bezeichnen ^-^

ANASTASIA: Ich habe übrigens auch keine Fragen mehr, aber ich denke die Fragen / Antworten der letzten 4,5 Stunden reichen aus für einen schönen Beitrag.

Wie definierst du denn einen klassischen Bad Boy? Ich habe da schon die wildesten Diskussionen miterlebt und um es zu kurz zu fassen: Eine frauenverachtender Mann mit Arschlochcharakter der durch die Liebe einer Frau gezähmt wird entspricht nicht meiner Definition eines Bad Boys.

THOMAS: Eher ein Draufgänger, harter Kerl mit Tattoos und so. Nicht unbedingt ein Arschloch.

ANASTASIA: Draufgänger passt auch in meine Definition, Tattoos nicht unbedingt und harter Kerl :-/
DRAMAQUEEN: Da ist wieder zu viel Spielraum. Ist ein Mann der bei jeder Situation ausrastet ein harter Kerl, oder eher eine arme Seele, weil ihm die nötige Selbstsicherheit fehlt?

ANASTASIA: Ich für meinen Teil würde weder einen “Nerd” als langweilig abstempeln, noch einen “Bad Boy” als kriminell. Das wäre zu einseitig und wird den jeweiligen Männern nicht gerecht.

DRAMAQUEEN: Nur weil alles in Schubladen gesteckt, oder gerade “in” ist müssen wir da mitmachen. Ich habe mich auf jeden Fall sehr gefreut dich durch die Planung zur LBM ein bisschen näher kennenzulernen und mir spätestens jetzt ein eigenes “Bild” von dir gemacht. DRAMAQUEEN: Signieren wir nächstes Jahr auf der LBM zusammen?

THOMAS: Ich hasse Mainstream. Auch, wenn ich mich über einige Comicverfilmungen freue, nervt es auch, dass plötzlich ALLES verfilmt werden muss. Und dann noch alles als Komödie. Jau, die Signierstunde können wir gerne nachholen.

ANASTASIA: Und wieder ein verdammt saudummer Fehler :-(
DRAMAQUEEN: Das reicht! Jetzt darfst du ins Bett gehen.
ANASTASIA: Korrektur: Nur weil alles in Schubladen gesteckt, oder gerade “in” ist müssen wir da NICHT mitmachen.

THOMAS: So hatte ich das auch gelesen ^-^ Wird Zeit zu schlafen.

ANASTASIA: Ich ersetze das Wort “Comicverfilmungen” durch “Bad Boys” und unterschreibe deine Worte :-)

ANASTASIA: Toll, dass du mich nach so kurzer Zeit schon richtig einschätzt :-D

Schlaf gut

THOMAS: :-) Na ja… Nach 5 Stunden :-D

ANASTASIA: Es gibt Menschen die schaffen es selbst nach Jahren nicht ihr Gegenüber richtig einzuschätzen ;-)

THOMAS: DAS stimmt. Dir auch eine gute Nacht. 

Fantasy, der (Substantiv, maskulin)

von Susanne Pavlovic

Neulich habe ich mir die Mühe gemacht, zu zählen.

Die Filialbuchhandlung meiner Stadt gehört nicht zu einer der ganz großen Ketten, aber in immerhin ca. 50 süddeutschen Fußgängerzonen findet man das rote Logo. Die Fantasy-Abteilung umfasst drei Regaleinheiten. Ich zähle 64 unterschiedliche Autorennamen.

Davon weiblich: 4. Das sind etwa 2,5 %.

Die Kolleginnen, die da tapfer die Stellung halten, sind Liza Grimm, Trudi Canavan, Nalini Singh und Lara Adrian. Von jeder Kollegin stand immerhin ein einzelnes Buch im Regal. Von geschätzten 12 Metern Regalfläche entfielen vielleicht 15 oder 20 cm auf die Buchrücken der Kolleginnen. Ich mag den Prozentsatz nicht ausrechnen. (Es sind ca. 1,3 %.)

Wie kommt das? Wie kann das sein? Wo sind all die phantastischen Autorinnen?

Ich gehe suchen und finde sie – in der Jugendbuchabteilung. Dort sortiert man großzügig auch die sogenannte „Romantasy“ ein, also Liebesromane mit phantastischen Elementen. Das Sortiment auf diesen zwei Regalmetern enthält deutlich weniger flächig präsentierte Titel, dafür mehr Vielfalt. Das Geschlechterverhältnis ist hier deutlich ausgewogener – gefühlt fifty-fifty.

Natürlich ist dies eine Stichprobe. Ich lehne mich aber vermutlich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass man, zählte man in anderen Filialbuchhandlungen, auf sehr ähnliche Ergebnisse käme. Zu vertraut ist der Anblick.

Zurück ans Fantasyregal. Es fällt auf: Hier stehen ausschließlich Publikationen aus großen Publikumsverlagen. Einzige Ausnahme: Ein regionaler Selfpublisher hat es geschafft, seine Staffelberg-Romane ins Regal zu bekommen. Bei den Großen erscheinen auch die Großen: Tolkien, Eddings, Williams, Asimov – Autoren, die im vorigen Jahrhundert geschrieben haben, teilweise noch zu Zeiten, in denen Männer ihren Frauen verbieten durften, arbeiten zu gehen. Um fair zu sein, muss man die aus der Rechnung nehmen, aber selbst wenn man es tut – es macht’s nicht besser.

Woran liegt diese massive Überrepräsentanz männlicher Autoren im Großverlags-Fantasybereich? Schreiben so wenige Frauen High Fantasy und Sci Fi? Liegt es an männerbündlerischen Strukturen in den Publikumsverlagen, vergleichbar mit dem oberen Management von Konzernen? Macht sich auch hier wie in vielen anderen Branchen der Familienplanungs-Karriereknick bemerkbar, den Frauen immer noch so viel deutlicher erleiden als Männer? Können Frauen einfach keine Fantasy?

Einigen wir uns darauf, dass es am Können vermutlich nicht liegt. Darüber hinaus – ich wüsste es gern, hab aber keine Antwort.

Aber das ist die Welt da draußen. Das ist, wie Fantasy von 90 % der lesenden Menschen rezipiert wird. Nicht nur Geeks lesen Fantasy – auch Leute, die gerade mal genug von Krimis haben, und da kam doch kürzlich diese Serie im Fernsehen, die mit den Drachen, und schau, da steht die im Regal. Das ist die Welt jenseits unserer heilen Welt zwischen Kleinverlag und Convention. Wenn sich aus dieser Welt mal ein Leser zu einem meiner High Fantasy Romane verirrt, dann schreibt er eine aufrichtig freundlich gemeinte Rezension: dieses Buch sei der Beweis, dass dass auch Frauen Fantasy schreiben können. Es ist so selten, es ist eine Erwähnung wert.

Wir haben in der Kleinverlags- und Nerdszene eine Vielzahl an schreibenden Frauen, Horror, High Fantasy, Historische Fantasy, auch Romantasy, da ist alles dabei. Aber Kleinverlage wären nicht Kleinverlage, wenn sie massive Marktdurchdringung hätten. Diversität im Fantasybereich ist eine Graswurzelbewegung, und Gras wächst nicht sonderlich schnell.

Alles Mist also? Melden wir uns bei der Volkshochschule zum Klöppelkurs an, statt einen neuen Roman zu schreiben? Nein, natürlich nicht. Wir schreiben weiter und sorgen in unseren Geschichten für Diversität. Aber nur weil wir auf einem grünen Fleckchen sitzen, sollten wir nicht die Wüste, die uns umgibt, für den Englischen Garten halten.

Fantasy, der (Substantiv, maskulin) 1

Susanne Pavlovic schreibt Fantasy im Amrun Verlag und lektoriert Bücher für Selfpublisher und Verlage.

Platz 1 des Schreibwettbewerbs

Sonntags ist ja immer ein besonderer Tag, deshalb haben wir uns auch etwas Besonderes vorgenommen. Wir feiern mit euch den Platz 1 unseres #lgbt4Amrun-Schreibwettbewerbs.

Über einen Verlagsvertrag für die Publikation einer Kurzgeschichte in einer Amrun LGBTIQ-Anthologie darf sich freuen:
Michelle Thon mit „Show me how to love myself, eine Fanfiktion zu Nils Krebbers „Keine Helden – Piraten des Mahlstroms“

Liebe Michelle, wow, wow, wow! Wir waren und sind uns sowas von einig, du hast mit deutlichem Abstand überzeugt, und wir sind wirklich total begeistert von deiner Einsendung. Dein Schreibstil ist rund und harmonisch, dem Genre komplett angepasst, die Charaktere liebenswert, und eine Thematik, die nicht 08/15 ist und wunderbar verpackt wurde. Und die Message, die du übermittelst, könnte besser nicht sein.

„Weil du mir gezeigt hast, dass es wichtig ist, du selbst zu sein. Ich weiß, dass du mir nicht zeigen kannst, wie es geht. Aber du hast mir gezeigt, dass es überhaupt möglich ist.“

Herzlichen Glückwunsch von uns UND hier folgen noch ein paar Worte von keinem Geringeren als von Nils Krebber, dem Autor der Original-Story:

„Gerade durfte ich als erster außerhalb der Jury die tolle Kurzgeschichte „Show me – how I find myself“ von Michelle Thon lesen. Dafür bin ich sehr dankbar, denn für mich kann es gar keine größere Ehre geben als Menschen, die von meinen Charakteren so inspiriert sind, das sie daraus eigene Geschichten weben. 
Und was für eine Geschichte! Ein spannendes Abenteuer, eine wilde Romanze, und das alles mit tollem Gefühl für Aurelia, Eberhart, Akbash und Joachim. Die Chemie der Crew ist wunderbar getroffen – Aurelias aufbrausendes Temperament und ihre Neckereien mit Eberhart, die zarte Romanze zwischen Eberhart und Joachim, Akbash sorglose Fassade – toll eingefangen. 
Und der mysteriöse Schatten, der sich da an Aurelia hängt und sie fast in den Wahnsinn treibt – eine tolle Figur! Vielleicht hören wir bald mehr von ihm 🙂
Danke, das du uns im Rahmen von LGBTQ+ for Amrûn an dieser Story teilhaben lässt – und dank der Jury, die meine Begeisterung offensichtlich teilt, werden wir auf jeden Fall bald mehr von dir lesen können!“

Herzlichen Glückwunsch!
Der Verlag wird auf dich zukommen!

Wer unseren Platz 1 lesen möchte, kann dies hier tun.

Platz 2 des Schreibwettbewerbs

Na, was habt ihr an diesem schönen Samstag gemacht? Wir haben alle nochmal die Geschichte, die Platz 2 gemacht hat, gelesen. Ihr wollt auch? Na, gut. Weil Samstag ist:

Platz 2 des #lgbt4Amrun Schreibwettbewerbs

Patrizia Juri mit „Ameisenküsse“, eine Fanfiktion zu Ain‘t nobody von Anastasia Donovan und Liliennächte von Kim Leopold

Liebe Patrizia, wow, du hast uns echt begeistert. Was für eine schöne, stimmige Geschichte, toll getroffene Charaktere, eine süße Lovestory, wirklich rundum total gelungen. Vielen Dank dafür, es war ein Vergnügen, dich zu lesen!

Herzlichen Glückwunsch zu einem verdienten zweiten Platz!
Der Verlag wird sich mit dir in Verbindung setzen.

Hier könnt ihr „Ameisenküsse“ nachlesen!

PLATZ 3 des Schreibwettbewerbs

Freunde!
Es ist Februar, draußen liegt überall Schnee, und für uns bedeutet das: Der Januar ist vorbei, die Jury hat entschieden. Der Amrun-Schreibwettbewerb zum Thema #lgbti hat schönen Anklang gefunden, wir bedanken uns sehr herzlich bei den Autor*innen für die vielschichtigen Beiträge. Doch es kann nur einen Sieger geben, nur einer kann Amruns Schreibwettbewerb gewinnen und einen Verlagsvertrag noch dazu.

Und um es spannend zu machen, präsentieren wir euch heute Platz 3 des #lgbt4Amrun Schreibwettbewerbs

Carina Gruchmann mit „Sonnenstunden“, eine Fanfiktion zu Liliennächte von Kim Leopold

Liebe Carina, du hast den guten Ash ja auf eine besondere Abenteuerreise geschickt. Wir haben deine Geschichte wirklich sehr gerne gelesen.

Herzlichen Glückwunsch zu einem tollen Platz 3!
Der Verlag wird sich mit dir in Verbindung setzen.

Hier könnt ihr „Sonnenstunden“ nachlesen:

Fan Fiktion "Josh & Tom - Prequel einer Liebe" geschrieben von Katharina Wolf 2

Fan Fiktion “Josh & Tom – Prequel einer Liebe” geschrieben von Katharina Wolf

Fan Fiktion "Josh & Tom - Prequel einer Liebe" geschrieben von Katharina Wolf 3

Überraschung!

Wir haben uns gedacht, um euch ein bisschen Motivation für den Wettbewerb zu geben, zeigen wir euch mal eine Fan Fiktion zu einem Amrûn Buch! Nämlich hat Katharina Wolf vor ein paar Jahren eine Gay-Romance Geschichte zu “Josh & Emma” (von Sina Müller) geschrieben! Was würde also besser zur Aktion passen, als diese Geschichte? Nichts! Deshalb haben die beiden Autorinnen sich gedacht: Zeigen wir sie doch mal!

Diese Geschichte ist natürlich kein Bestandteil des Wettbewerbs und somit auch außer Konkurrenz!


Um welches Buch geht es?

Die Fan Fiktion handelt von Josh & Tom, zwei Männer die in Sina Müllers Debüt-Roman “Josh & Emma” vorkommen.

Klappentext Band 1 – Soundtrack einer Liebe

Als Emma den Popstar Joshua kennenlernt, steht ihr gesamtes Leben plötzlich Kopf. Schnell merkt sie, dass die Liebe zwei Seiten hat – eine wunderschöne und eine schmerzvolle.
Gefangen zwischen Blitzlichtgewitter und Privatleben kämpfen die beiden für eine gemeinsame Zukunft. Doch ist im Alltag eines Stars Platz für die große Liebe?

Klappentext Band 2 – Portrait einer Liebe

Die Zeit heilt selbst die tiefsten Wunden. Aber ein Jahr ist nicht genug …

Als Josh und Emma erneut aufeinander treffen, merken sie, dass das Herzklopfen noch immer da ist.
Der Start ins neue Leben scheint perfekt, doch dann holt ein Fehltritt aus der Vergangenheit die beiden ein und Emmas Leben steht wieder einmal Kopf.


Fan Fiktion "Josh & Tom - Prequel einer Liebe" geschrieben von Katharina Wolf 4

Wie enstand die FF?

Josh & Emma war damals mein aller-aller-erster Roman vom Amrûn Verlag und ich war sofort ein riesengroßer Fan von Sina Müller! Mit der Zeit wurden wir auch Freunde und ich hatte Lust eine Fan Fiktion zu Josh & Tom zu schreiben. Erst mal schrieb ich drauf los und dann bekam Sina die Geschichte als Geburtstaggeschenk. Ich habe es ihr damals sogar drucken lassen.

– Katharina Wolf

 


Gewinnspiel!

Wir verlosen passend dazu ein Taschenbuch zu “Josh & Emma – Soundtrack” (Band 1) einer Liebe mit wundervollen Goodies!

Was ihr dafür tun müsst? Verratet uns, wie ihr die Fan Fiktion fandet und beantwortet folgende Frage:

“Mit wem ist Inga verwandt?”

Kommentiere unter diesem Beitrag, wenn du an dem Gewinnspiel teilnehmen möchtest. Einsendeschluss ist Sonntag, der 16.9.18 um 23:59 Uhr und der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Du musst 18 Jahre alt sein oder die Einverständnis deiner Eltern haben. Teilnahme nur mit Wohnsitz innerhalb Deutschland, Österreich und Schweiz. Wir werden deinen Namen im Gewinnfall öffentlich bekanntgeben.


Die Fan Fiktion

Josh & Tom – Prequel einer Liebe von Katharina Wolf

»Boar alter, Josh … wie viele Leute waren das eben?«  Tom wischte sich den Schweiß mit dem Handrücken von der Stirn und strahlte mich mit leuchtenden Augen an. Ich konnte seine Euphorie mehr als nachvollziehen. Sie strömte auch mir aus allen Poren und machte mich unruhig und zappelig.

»Ich weiß nicht … so dreitausend oder mehr?« Der Gig war, um es kurz zu sagen, der Hammer gewesen. Ich war immer noch wie in Trance. Manchmal konnte ich es einfach nicht glauben, dass die alle wegen uns hier herkamen. Sie hatten sogar Geld dafür bezahlt, Amblish live zu sehen. So viele Menschen. Zig Plakate wurden hochgehoben, auf denen mein Name stand. Meist mit irgendwelchen anzüglichen Sprüchen. ›Josh, ich will ein Kind von dir‹, ›Josh, du geile Sau‹, ›Bums mich Josh‹. Alles schon gesehen. Auch heute wurden wieder unendlich viele Kuscheltiere und Liebesbriefe auf die Bühne geworfen. Außerdem hatte sich die Presse im Fotografengraben direkt vor der Bühne fast überschlagen … das war alles zu viel. Deshalb standen wir nach einem Auftritt auch meist erst mal schweigend jeder für sich im Backsagebereich. Wir versuchten, unsere Gedanken zu ordnen, klar im Kopf zu werden. Alle mit einem Handtuch um den Nacken gewickelt und einem kühlen Bier an den Lippen.

»Um genau zu sein, waren es fünftausend Zuschauer. Die Halle war ausverkauft. Glückwunsch, Jungs!« Carol, unsere Managerin und biestige Kindergärtnerin, war ungewöhnlich gut gelaunt. Normalerweise verglichen wir sie gerne mit einem Drachen, nur mit noch weniger Geduld und mehr Zerstörungswut. Wirklich, die Frau war die Hölle, aber sie hatte es in Sachen Marketing und Management einfach drauf. Deshalb ertrugen wir sie, denn sie brachte uns weiter. Solche Auftritte wie der hier waren der Beweis für ihre gute Arbeit. Doch nun lächelte sie uns an, weswegen wir sie skeptisch musterten. Irgendetwas stimmte nicht. Das Ganze hatte doch einen Haken. Freundlichkeiten von Carol gab es nicht umsonst. Hatte es noch nie gegeben.

»Carol, hast du uns vielleicht was zu sagen?«, mischte sich nun Marc ein, der sich bis eben im Hintergrund gehalten hatte. Manchmal bewunderte ich seine Seelenruhe.

»Nur gute Nachrichten. Freut euch! Morgen gebt ihr ein Radiointerview, und zwar live. Zur Primetime!«

Zur Primetime? Das war doch hoffentlich nicht ihr Ernst. Nik jubelte kurz auf, dann schnallte auch er, was das bedeutete.

»Och nö, Carol, muss das sein? Du weißt genau, dass wir heute Abend alle auf eine Party wollten.« Er stemmte die Fäuste in die Seite und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter.

»Könnt ihr ja», gab sie schnippisch zurück. »Ich sag ja nichts dagegen.«

»Wann müssen wir morgen denn auf der Matte stehen«, fragte ich leicht resignierend. Ich hatte keinen Bock auf die Scheiße, aber gegen Carol war alles andere aussichtslos. Wir hatten uns auf die Party und auf die wohlverdiente Auszeit gefreut. Und um ehrlich zu sein, hatten wir sie uns auch verdient. Immerhin arbeiteten wir nun schon monatelang ohne Unterbrechung. Sind von einem Interview zum nächsten gesprintet, von Konzerten, zu Proben, zum Tonstudio und wieder zurück. Ohne auch nur eine verfickte Pause. Einfach mal entspannen, mehr wollten wir doch gar nicht. Und das hatte uns Carol verdammt noch mal versprochen. Allerdings wusste ich auch, was Primetime beim Radio bedeutete.

»In der Morningshow … um 7 sieben werdet ihr erwartet.« Ein Stöhnen hallte durch den Backstagebereich. Carol war der Teufel. Erst versprach sie uns Freizeit und dann sowas. Super-Gau!

»Carol, du bist dir darüber im Klaren, dass meine Frau extra aus Freiburg angereist ist, weil ich endlich etwas Zeit mit ihr verbringen wollte?« Marc fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und seufzte theatralisch. Carol antwortete nicht und schaute ihn nur mit hochgezogener Augenbraue an. Ganz nach dem Motto »Und wessen Problem ist das jetzt?«

»Das ist einfach scheiße, Carol!« Ich konnte Marc verstehen. Lisa war mit ihrer Schwester zu uns nach Berlin gefahren. Achthundert Kilometer. Die beiden hatten sich schon fast fünf Wochen nicht mehr gesehen und freuten sich auf ihre wohlverdiente gemeinsame Freizeit. Und die wurde jetzt schon wieder verkürzt, da wir heute Abend alle früh ins Bett mussten. Wie Kleinkinder. Zum Glück hatte sonst keiner von uns eine feste Beziehung. Und das war auch gut so. Nur Lucky tippte ab und an heimlich eine SMS oder verzog sich zum Telefonieren in ein anderes Zimmer. Er gab nicht allzu viel von sich preis und ich würde mich in seine Angelegenheiten auch nicht einmischen. Das war nicht meine Art.

Marc seufzte und öffnete sich noch ein kühles Bier. Er hatte wohl eingesehen, dass es keinen Sinn hatte zu nörgeln. Carol hatte das Sagen und eigentlich war das ja auch gut so, weil sie Ahnung hatte und wir nicht. So einfach war das.

»Lass uns trotzdem Party machen, okay Josh? Im Radio ist es ja scheißegal, ob wir Augenringe haben und nach Alkohol stinken.« Tom flüsterte, damit Carol nichts von seinen Plänen mitbekam. Ich musste grinsen und boxte ihm spielerisch mit der Faust gegen die Schulter.

»Klar Mann, wir lassen’s richtig krachen!«

 

Wir beide waren am Ende leider die Einzigen, die Lust auf Party hatten. Alles Pussys. Marc wollte die freie Zeit lieber mit Lisa für ein paar wenige Stunden der Zweisamkeit nutzen. Wahrscheinlich wollte der Gute einfach was gegen seinen Samenstau tun. Konnte ich nachvollziehen. Lucky und Nik waren Pizza essen gegangen und hatten vor, früh schlafen gehen.

Tja, Tom hatte ein besseres Rezept, um fit zu sein und vor allem fit zu bleiben. Oder wie er so oft zu sagen pflegte: Schlafen konnte man noch, wenn man tot war.

»Hast du was dabei?», fragte ich leise mit vorgehaltener Hand. Dabei wäre das Flüstern gar nicht nötig gewesen, da die Musik im Club so laut wummerte, dass man es noch bis zum Ende der Straße hören konnte. Unangenehme Electro-Beats. Eigentlich nicht mein Ding.

»Klaro Mann, hier ein bisschen gute Stimmung aus der Tüte, quasi to-go.« Er kramte ein kleines Plastikpäckchen aus der Hosentasche und ich erkannte weißes Pulver.

»Kokain?« Meine Unwissenheit war mir manchmal schon etwas peinlich. Aber ich hatte vor der Zeit mit Amblish nie etwas mit Drogen am Hut gehabt. Erst als der Stress mit der Band immer schlimmer wurde, hatten wir es ab und an einfach nötig. Abschalten. Nicht mehr nachdenken. Es gab Nächte, in denen ich schlecht oder gar nicht schlafen konnte, weil mir viel zu viel durch den Kopf ging. Ein kleiner Joint konnte da Wunder wirken. Naja, und wenn man nach einem anstrengenden Auftritt wieder Energie brauchte, dann gab es dafür eben auch die richtigen Aufputschmittel.

»Zumindest ist es kein Puderzucker, mein junger Padawan«, er zwinkerte mir verschwörerisch zu und ging dann zielsicher in Richtung Toilette. Ich folgte ihm. Auf gute Stimmung aus der Tüte hatte ich tatsächlich Lust.

Auf der Herrentoilette angekommen, schlossen wir uns beide in eine Kabine ein und Tom kniete sich vor die Kloschüssel.

»Soll ich dir die Haare halten?« Den Spruch konnte ich mir nicht verkneifen. Es erinnerte mich an die letzte Party, als ich einem Fan tatsächlich behilflich sein musste, da sie sich nach einigen Tequilas übergeben musste.

»Haha, Josh, bist echt der Brüller …« Seine Stimme troff vor Sarkasmus und wurde nur von dem ausgestreckten Mittelfinger in meine Richtung noch übertroffen. Er kramte in der hinteren Tasche seiner Jeans und zauberte einen kleinen Handspiegel hervor, den er vor sich auf den zugeklappten Klodeckel ablegte.

»Noch schnell ne Lage Mascara auflegen, oder was?« Ich prustete los und boxte Tom gegen die Schulter.

»Alter, Josh, hast du nen verfickten Clown gefrühstückt, oder was? Woher weißt du überhaupt, was Mascara ist? Schwul oder was?« Er schüttelte den Kopf und bröselte, ohne mich weiter zu beachten, etwas von dem weißen Pulver auf die glatte Spiegeloberfläche. Dann zerkleinerte er alles mit seiner goldenen Kreditkarte. Der Poser. Mich konnte er damit tatsächlich beeindrucken. Tom machte das wie ein Profi. Wie oft er sich wohl Drogen präparierte?

Nach einer Weile sah ich zwei Koks-Linien. Eine dünne und eine etwas dickere. Mit einem kleinen Rohr, das er nun aus seiner anderen Hosentasche hervorzauberte, sniefte er die breite Linie ohne zu zögern weg. Dann hielt er mir das Rohr entgegen.

»Macht man das nicht normalerweise mit einem Hundert-Euro-Schein?«

»Bäh, weißt du, wie unhygienisch das ist?« Ich schaute ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an und wischte das Röhrchen an meinem Hemdsärmel ab. Von Tom erntete ich daraufhin nur ein Augenverdrehen. Der redete hier von Hygiene … dass ich nicht lache. Ich kniete mich neben ihn auf die versifften Bodenfliesen und zog mir ohne abzusetzen die andere Linie in die Nase. Das Gefühl war ekelhaft. Ich hielt mir das andere Nasenloch zu und versuchte mehrmals verzweifelt das Pulver hochzuziehen. Es fühlte sich an, als würde mir ein riesiger Drogenklumpen in den Nebenhöhlen kleben.

»Fuck, ist das eklig!« Mir liefen mittlerweile schon Tränen die Wangen hinab. Tom zuckte nur mit den Achseln.

»Man gewöhnt sich dran …«

Na toll.

Ich verließ die Kabine und betrachtete mich im Spiegel. Was ich dort sah, gefiel mir nicht. Ich war mir noch nie so fremd vorgekommen. Eine wandelnde Leiche mit Markenklamotten, wirrem braunen Haar und einigen weißen Pulver-Flecken an der Nasenspitze. Ich sah scheiße aus. Punkt. Da brauchte man nichts schönzureden. Schnell fuhr ich mir mit dem Handrücken über die Nase und trank einen Schluck Leitungswasser. In Sachen Kokain war ich lange nicht so erfahren wie Tom. Aber simples Kiffen genügte mir leider nicht mehr.

»Los Josh!« Ich spürte Toms Faust, die mir auffordernd gegen die Schulter boxte. »Party und Weiber aufreißen, als ob es kein Morgen gäbe!« Ich grinste und gab ihm ein High-Five. Kokain war schon eine geniale Droge. Vor 15 Sekunden hatte ich mir noch Gedanken gemacht. Jetzt wusste ich nicht mal mehr warum und über was.

Sorgen? Hatte ich keine.

Probleme? Bei mir doch nicht.

Angst? War mir fremd.

Alles war gut und ich hatte den unbändigen Drang zu tanzen.

 

Die Party ließ sich mit einem Wort zusammenfassen: Eskalation! Im Nachhinein kann ich nicht mal mehr sagen, was wir uns in dieser Nacht reingezogen hatten. Wir koksten, schluckten irgendwelche Pillen und tranken dazu Longdrinks, deren Alkohol wir weder schmeckten noch spürten. Wir tanzen mit wildfremden Mädels, lachten viel, machten uns zum Affen. Wir waren die Helden hier in diesem Club. Alle sahen zu uns auf. Beneideten und bewunderten uns.

Alles war gut.

Alles war leicht und fühlte sich richtig an.

Dachten wir …

 

 

Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlug, war ich der festen Überzeugung, dass ich sterbe. Mir tat alles weh. Wirklich alles. Sogar meine Haare schmerzten erbarmungslos. Ich fuhr mir mit den Händen über mein Gesicht und rieb mir meine verkrusteten Augen.

Was zur Hölle war geschehen und wo war ich? Das Zimmer war mir fremd. Ein Hotel?

Rechts neben mir bewegte sich etwas. Ich erschrak. Ich erblickte blondes, langes Haar und eine leicht gebräunte, nackte Schulter. Der Rest ihres Körpers war noch von einem weißen Laken bedeckt. Ich seufzte leise. Etwa schon wieder ein Groupie? Wenn ich wenigstens wüsste, was in der vergangenen Nacht passiert war und ob es sich gelohnt hatte …  So war es einfach nur ein weiterer unnötiger One-Night-Stand mit einer unbedeutenden Person, die ich schon in wenigen Minuten aus meinem Leben streichen würde. Ich hasste das. Es langweilte mich. Ich konnte mich ja nicht mal an den Sex erinnern. Was hatte das Ganze dann überhaupt für einen Sinn? Gar keinen. Es war schlichtweg sinnlos, was ich hier tat. Es war unvernünftig, unbefriedigend und verdammt fahrlässig.

Das war der Moment, in dem ich merkte, dass mir die Drogen fehlten. Nach einem High kam immer ein Down, und wenn man dann nicht stark blieb und dem Drang widerstand, rutschte man schneller in eine Sucht als man »keine Macht den Drogen« sagen konnte.

»FUCK!«

Ich erschrak schier zu Tode und sprang auf. Der laute Ausruf kam von einer Person links neben mir, die mir bis eben noch nicht aufgefallen war.

»Was zum …?» Ich konnte den Satz nicht zu Ende sprechen, da spürte ich auch schon Toms Faust, die brutal und ohne Vorwarnung auf meiner Nase landete.

»Du Vollarsch! Was hast du mit mir gemacht?«

»Alter, Tom … hast du nen Schaden?« Ich hielt mir meine Nase und funkelte ihn wütend an. Blutete ich etwa? »Ich hab kein Plan, was passiert ist, was haben wir gestern eigentlich alles genommen?« Ich betrachtete meine Finger. Kein Blut. Was ein Glück. Eine geschwollene, dicke Nase kam bei meinen Fans garantiert nicht gut an.

»Alter, Josh!« Tom flüsterte nun und hatte die Augen entsetzt weit aufgerissen »Haben wir?« Er ließ seinen Zeigefinger immer wieder zwischen uns hin und her wandern. Und plötzlich traf mich die Erkenntnis. Und zwar mit voller Wucht und unerbittlich.

»Wir?« Meine Stimme hörte sich piepsig an. Das konnte doch nicht sein Ernst sein! Er zog eine Augenbraue hoch und versuchte seine Blöße notdürftig mit der Bettdecke zu verdecken. Wir waren beide nackt. So viel war sicher.

Tom und ich? Sex?

Nein.

Niemals.

Oder?

Je länger ich versuchte, mich an den gestrigen Abend und die darauffolgende Nacht zu erinnern, desto stärker wurden meine Kopfschmerzen. Außerdem machte sich mein Magen bemerkbar. Mir war schlecht. Und trotzdem blitzten auf einmal ein paar Bilderfetzen in meinem pochenden Kopf auf. Bilder, die sich garantiert nicht ohne Grund in mein Hirn genistet hatten. Kurze Szenen. Zusammenhanglos.

Tom?

Oh Gott. Was hatten wir nur getan?

»Okay Tom, keine Panik.« Meine Stimme klang ruhiger, als ich mich fühlte. Innerlich war ich kurz davor auszurasten. »Ist bei dir alles okay? Also … ähm … wie …?« Diese Situation war so scheiße, meine Handflächen waren schweißnass.

»Josh, mein Arsch tut weh!«

»Fuck!«

Tom hatte einen so erbärmlichen Gesichtsausdruck, dass er mir wirklich leidtat. Ich hätte ihn ja gerne irgendwie aufgemuntert, ihm auf die Schulter geklopft oder so. Aber um ehrlich zu sein, hatte ich gerade unglaubliche Hemmungen, ihn anzufassen. Er würde mir glatt noch eine reinhauen. Zu Recht. Verdammt, wir waren beide immer noch nackt. Wir lagen in einem Bett in irgendeinem Hotelzimmer. Wie krank war das denn bitte?

»Ich nehm nie wieder was!« Tom sackte immer mehr in sich zusammen und versteckte sein Gesicht in seinen Händen. Und nun?

»Regt euch doch mal ab, ist doch nichts dabei.« Wir schraken beide zusammen und schauten zu der Frau, die bis eben noch schlafend neben uns gelegen hatte.

»Inga?» Wir riefen ihren Namen gleichzeitig aus. Oh Gott, bitte nicht Inga! Nicht sie. Nicht Lisas Schwester.

»Inga, du? Was zur Hölle …?« Inga beachtete unsere hysterischen Ausrufe nicht, sondern band sich in aller Seelenruhe ihr langes blondes Haar zurück. Dann wandte sie sich uns zu.

»Ich hätte ein wenig mehr von euch Rockstars erwartet. Was seid ihr denn so panisch? Ich dachte, ihr treibt es andauernd mit irgendwelchen Weibern …«

»Aber doch nicht mit der Schwägerin von Marc, verdammt!« Das war mein Ende! Marc würde mich killen. Mein Tod war so sicher wie das Amen in der Kirche.

»Alter, und nicht miteinander … das ist übel … das ist echt übel!« Tom schüttelte immer wieder den Kopf und seufzte einmal laut und resignierend auf.

»Ihr seid echt unangenehm unentspannt.« Sie stand auf und lief nackt, wie Gott sie schuf, in Richtung Badezimmer. Zumindest vermutete ich, dass sich hinter dieser Tür das Bad befand. Denn dieses Hotelzimmer war mir gänzlich fremd.

Dann herrschte Schweigen.

Im Nebenzimmer begann das Wasser zu rauschen und Tom und ich saßen einfach nur nebeneinander. Jeder hing seinen Gedanken nach. Keiner wagte es, sich zu rühren.

Knapp zehn Minuten später öffnete sich die Badezimmertür ein weiteres Mal und Inga trat heraus. Angezogen, mit nassen Haaren, die sie sich gerade mit einem großen, weißen Handtuch abtrocknete.

»Gott, stellt ihr euch an … ich mach mich dann mal auf den Weg.«

»Inga, kannst du dich an alles erinnern?« Tom hatte einen flehenden Gesichtsausdruck. Hoffentlich würde er nicht gleich anfangen zu heulen. Das würde mich vollends überfordern. Die Situation war doch schon kompliziert genug!

»Klar kann ich mich an alles erinnern.« Sie zwinkerte Tom zu und schlüpfte dann in ihre braunen Lederstiefel.

»Haben wir … also ist zwischen mir und Josh …« Sein Gestottere nervte mich. Mein Kopf drohte auch so schon zu explodieren. Inga rollte mit den Augen und stöhnte.

»Tom, mach dir einfach nicht so nen Kopf und bleib locker. Keine Angst. Ich geh schon nicht damit an die Presse!«

Oh Gott, die Presse! Wenn die davon erfuhr, dann wäre das ein Skandal. Carol würde uns töten, also gleich, nachdem Marc mich skalpiert hatte.

»Inga, bitte sag auch Lisa nichts. Bitte. Marc killt uns!«

»Keine Angst, ich habe auch keine Lust auf Stress mit den beiden. Marc führt sich manchmal auf, als wäre er mein Bruder. Naja, ihr zwei Süßen, man sieht sich.» Sie winkte uns nochmal zum Abschied zu, dann war sie weg und hinterließ zwei vollkommen verwirrte Jungs, die noch immer nackt auf einem Doppelbett saßen.

»Fuck!«

Wir schreckten schon wieder zusammen. Irgendwo vibrierte etwas und Tom sprang hastig auf, um in einem Jeans-Knäuel auf den Fußboden nach seinem Handy zu suchen. Leider tat er das etwas zu überstürzt. Er stolperte, klammerte sich an einem Stuhl fest und fiel mit diesem der Länge nach hin. Ich konnte mir mein Lachen nicht verkneifen.

»Halts Maul, Josh! Nur wegen dir blödem Wichser tut mir alles weh, ey!« Tom erhob sich langsam und zitternd wie ein Achtzigjähriger. Mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck rieb er sich seinen Steiß. »Was hast du mit mir gemacht, du kranker Idiot?« Ich prustete los. Selbst wenn ich versuchen wollte, mein Lachen zurückzuhalten, es ging nicht. Tom sah zu komisch aus. Außerdem mussten da noch Reste meines seltsamen Drogen- und Alkoholcocktails in meinem Blut herumschwimmen. Ich presste beide Hände auf meinen Mund und versuchte mich selbst zum Schweigen zu bringen. Joshua, reiß dich zusammen. Mir entwich ein Grunzen. Daraufhin folgte ein eisiger Blick von Tom. Eigentlich war das alles gar nicht lustig. Ganz im Gegenteil! Aber meinem Körper war das egal.

Tom hob leise vor sich hin fluchend seine Hose auf und suchte in den Taschen nach dem Handy. Zum Vorschein kamen sein Snief-Rohr, der Handspiegel und ein leeres Tütchen.

»Alter, haben wir das alles weggekokst?» Er sagte es mehr zu sich selbst, aber auch mich hatte der Anblick soeben verstört. Tom schüttelte den Kopf, zog sein Handy aus einer der Taschen und lugte auf das leuchtende Display. »Scheiße, Carol!» Er drückte auf den grünen Hörer und hielt sich das Gerät ans Ohr. »Ja?»

Selbst auf der anderen Seite des Zimmers konnte ich sie brüllen hören.

»Was? Ja, Carol. Ja …« er ließ seinen Kopf genervt in den Nacken fallen. »Das Radiointerview haben wir natürlich nicht vergessen …«

Und wie wir das Interview vollkommen vergessen hatten! Scheiße!

»Wo wir sind?« Er schaute sich im weiß gestrichenen Zimmer um und zog die Augenbrauen skeptisch zusammen. Ich entdeckte einen Notizblock auf dem Nachttisch. Auf dem Kopf des Deckblatts stand der Name des Hotels. Also warf ich ihm kurzerhand den Block entgegen. Er fing ihn auf und nannte Carol unseren Aufenthaltsort. Nach einigem weiteren Gebrüll und Seufzern legte er auf.

»Wir werden in zehn Minuten abgeholt.»

»Na klasse.»

 

 

Es war nicht weiter verwunderlich, dass Marc, Nik und Lucky bereits im Studio des Radiosenders saßen, als wir den Raum betraten. Sie wirkten wesentlich frischer und ausgeschlafener als wir zwei.

»Gings lang gestern?», fragte Nik nicht wirklich interessiert. Er sah uns die durchzechte Nacht eindeutig an.

»Mmmhh», antwortete ich daher nur und ließ mich neben unseren Bandkollegen nieder. Zögerlich setzte sich nun auch Tom neben mich. Mir entging allerdings nicht, dass er zuvor den Hocker ein wenig von mir wegschob. Ich konnte seine Nervosität ja verstehen, aber war das nicht ein wenig übertrieben? Ich hatte ihn gestern garantiert nicht unkontrolliert angesprungen. Also würde ich das heute auch nicht tun. War er plötzlich zur Pussy mutiert oder was?

»Ja, Leute, heute hier live bei Antenne 108,3 Amblish. Die momentan wohl angesagteste Newcomerband Deutschlands. Gerade erst wurden sie mit zwei Bravo Ottos ausgezeichnet. Einmal als beste Band und dann gab es noch eine Auszeichnung für den leckersten Typen. Stimmt’s, Josh?«

Ich hörte das Gelaber des Radiomoderators nur am Rande und nickte ihm zustimmend zu.

»Du weißt schon, dass man dich im Radio nicht nicken sehen kann …«, flüsterte mir Marc zu und stieß mich sachte mit dem Ellenbogen in die Seite.

»Ja, zwei Bravo Ottos. Danke an unsere Fans, dass sie kräftig für uns abgestimmt haben. Das ist eine riesige Ehre für uns …«

Blablabla … Immer dieselben Sätze, bei jedem verdammten Interview. Jeden Tag und das seit Monaten. Wir sprachen über unser Album, über den Erfolg, über Fans, über unsere Tournee. Der Text saß. Er war uns von Carol eingeprügelt worden. Interessant wurde es erst, als der Moderator Fragen von einigen Fans ankündigte.

»Schon seit gestern durften eure Fans über Twitter und Facebook mit dem Hashtag #askamblish Fragen an euch stellen. Wir haben einige besonders Ausgefallene herausgesucht und die geben wir jetzt gleich mal live an euch weiter. Seid ihr bereit?» Er untermalte seine Frage mit einigen schrägen Tönen und einer Art Trommelwirbel. Typisch für einen übertrieben jugendlichen Radiosender.

»Klar sind wir bereit. Lass hören, was unsere Fans wissen möchten», gab ich selbstsicher zurück.

»Die erste Frage stammt von CrazyMuffin, die via Twitter schreibt: »Josh, welche Unterwäsche trägst du so und stehst du bei Frauen auf Dessous?« Die Frage ließ mich grinsen. Crazymuffin war garantiert ein 14-jähriges Mädchen, das noch nie einen Freund gehabt hatte und sich ihre Nächte damit versüßte, sich uns in Unterwäsche vorzustellen. Beziehungsweise mich.

»Ich trage natürlich nie Unterwäsche«, raunte ich mit meiner verführerischsten Stimme. Alle brachen in schallendes Gelächter aus. Vor allem der Moderator. Wie hieß der Kerl eigentlich? »Ach was … Meistens langweilige Boxershorts. Mädels, ich bin doch auch nur ein normaler Kerl. Und bei Frauen habe ich natürlich nichts gegen hübsche Dessous, wobei ich sie nackt bevorzuge.« Der Moderator verstärkte den erotischen Effekt meiner Antwort mit ein paar quietschenden Geräuschen und dem Sound einer stöhnenden Frau. Was war das hier noch mal für ein Sender? Ich kannte ja diese radiotypischen Töne, aber der Typ hier übertrieb echt maßlos. Oder lag es daran, dass die Wirkung der Drogen nachließ? Dann war ich nämlich gereizt und ziemlich schnell genervt.

Tom rechts neben mir war ungewohnt ruhig. Ich stieß ihn mit dem Ellenbogen an und gab ihm mit Blicken zu verstehen, dass er sich jetzt zusammenreißen sollte. Er zuckte daraufhin allerdings nur erschrocken zusammen und schaute mich mit zusammengezogenen Augenbrauen böse an. Auch gut. Idiot!

»Die nächste Frage geht an Marc. Du bist ja schon seit einiger Zeit in festen Händen. Wie ist das denn so mit den ganzen Groupies? Fällt es da nicht schwer, treu zu bleiben?«

Marc lehnte sich gelassen zum Mikrofon vor und lachte.

»Das fällt mir ganz und gar nicht schwer. Wenn man seine große Liebe gefunden hat, dann braucht man niemand anderen mehr.« Wir untermalten seine schnulzige Antwort mit einem gehässiges »Oooooh« und brachen dann erneut in schallendes Gelächter aus. Naja, alle außer Tom. Der war ja aber auch nur körperlich hier.

»Okay Jungs, was haltet ihr von Piercings und Tattoos? Das will die liebe Kadda auf Facebook wissen. Wer möchte das beantworten? Lucky vielleicht? Du warst bislang so ruhig.«

»Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber ich mag es. Also außer riesige Totenköpfe im Gesicht oder Spinnen am Hals … sowas muss echt nicht sein.»

»Verständlich, und dann kommen wir auch schon zur nächsten Frage von amblishgirl90. Sie schreibt: Hey Jungs, habt ihr schon mal homosexuelle Erfahrungen gemacht? Tom, willst du dazu vielleicht etwas sagen?«

Tom saß da, wie vom Blitz getroffen. Ich biss die Zähne fest zusammen. Entweder würde ich gleich in schallendes Gelächter oder in Tränen ausbrechen. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Ich funkelte ihn von der Seite an. Er war blass. Ungesund blass. Er fuhr sich mit beiden Händen hektisch durch sein eh schon wirres Haar und starrte mich dann verstört an. Ich riss die Augen schockiert auf. Er wollte doch wohl etwa nichts sagen? Hatte er jetzt vollkommen den Verstand verloren?

»Tom?« Der Moderator wurde langsam ungeduldig.

»Dadadadas, ach … das ist doch …« Er räusperte sich mehrfach und fuhr sich ein weiteres Mal durchs Haar. »Ähm, also …«

»Wir sind uns darüber im Klaren, dass viele unserer Fans aus der homosexuellen Szene stammen. Wie wir so swingen … naja … findet es doch einfach heraus.« Zum Glück sprang Nik mit einer äußerst coolen und geheimnisvollen Antwort ein und rettete so die Situation. Er erntete einen johlenden Laut des Moderators, den er mit einigen Tiergeräuschen untermalte. Warum auch immer.

»Habt ihr das gehört, liebe Zuhörer? Das war ein Angebot.«

Danach folgten noch einige belanglose Fragen, deren Antworten wir alle schon im Schlaf auswendig aufsagen konnten. Trotzdem war Tom wie ausgewechselt. Und das fiel auch den anderen auf. Sonst war er so souverän, selbstbewusst und mit allen Wassern gewaschen. Hatte ihn die letzte Nacht wirklich so verstört? Oder war ich zu ruhig? Wir wussten ja noch nicht einmal mit Sicherheit, was wirklich alles geschehen war. Oder konnte er sich vielleicht doch erinnern?

 

»Tom, bleib stehen!« Doch Tom hörte nicht auf meine Rufe und floh. Direkt, nachdem die letzte Frage beantwortet war und wir unseren aktuellen Song Acapella angestimmt hatten, war Tom aus dem Studio gestürmt. Aber ich konnte das nicht zulassen. Wir mussten das verdammt noch mal klären und aus der Welt schaffen. »Tom, du elender Vollidiot, bleib stehen!«

Ich griff nach dem Zipfel seines Ärmels und hielt ihn fest. Nun war er gezwungen, stehen zu bleiben, und sich zu mir umzudrehen. Seine Augen waren schockgeweitet.

»Fass mich nicht an, du dreckiger …« Ich gab ihm eine Ohrfeige. Es reichte einfach. Ich war hier doch nicht der alleinige Schuldige. Musste ich mich da beleidigen lassen?

»Tom, reiß dich jetzt einfach zusammen. Wir haben Scheiße gebaut. Wir haben’s übertrieben. Das war’s. Okay? Das ist doch jedem schon mal passiert …« Ich glaubte mir zwar selbst nicht so ganz, aber jetzt ging es erst mal darum, Tom wieder zur Vernunft zu bringen. Und zwar bevor er alles kaputtmachte.

»Josh, ich will dich im Moment nicht sehen. Ich …« Er schüttelte den Kopf und starrte dann einen Punkt an der Decke an. »Ich kann dich gerade einfach nicht ertragen, okay?«

»Nein du Arsch, das ist nicht okay. Gib mir nicht die Schuld daran!«

»Tu ich nicht!«

»Dann behandle mich nicht so! Wir sind Bandkollegen. Ein Team.«

»Lass mir einfach ein bisschen Zeit.«

Daraufhin riss er sich von mir los, lief den Flur entlang und ließ mich so stehen. Tom … der harte, abgebrühte, rücksichtslose Tom, war eben doch in Wirklichkeit ein kleines Sensibelchen. Ich hoffte nur, dass er sich wieder einkriegte. Hoffentlich hatte dieser dumme Ausrutscher nichts zwischen uns zerstört.

 

»Jungs, seid ihr fit?«

»Klar, Carol.«

Mittlerweile war ich wirklich wieder recht munter. Seit der durchzechten Nacht und dem überraschenden Erwachen waren zwei Tage vergangen. Mein Kreislauf beschwerte sich nicht mehr und mein Kopf hatte die pochenden Schmerzen auch vorerst eingestellt. Sämtliche legalen und illegalen Substanzen müssten sich also in der Zwischenzeit verflüchtigt haben.

Wie es Tom wohl so ging? Ich hatte keine Ahnung. Er mied mich, wich meinen Blicken aus und ging auch nicht an sein Telefon. Sollte er doch machen, was er wollte. Dass er sich tatsächlich so anstellen würde, hätte ich nie von ihm gedacht. Aber so kann man sich eben in einem Menschen täuschen.

Jetzt war allerdings der schlechteste Zeitpunkt, sich weiter Gedanken über Tom und unser seltsames Verhältnis zu machen. Und Verhältnis meinte ich natürlich im rein professionellen Sinne.

Die Vorband hatte gerade die letzten Töne angestimmt und kam uns gerade im Backstagebereich entgegen. Der Sänger schlug mit mir ein und hatte ein breites Lächeln im Gesicht.

»Geiles Publikum, Jungs. Viel Spaß!« Der Gitarrist, die Drummerin und der Bassist der Band folgten ihrem Sänger und  verzogen sich allesamt in ihre privaten Räume irgendwo weiter hinten. Jetzt hatten wir noch knapp zehn Minuten. Die Techniker bauten nun auf die Schnelle um. Unser Banner wurde im Hintergrund angebracht. Die Lichttechniker stellten sich auf unser Programm ein, unsere Instrumente wurden bereitgestellt und einem kurzen Soundcheck unterzogen.

Und dann war es so weit.

Wir hörten das Intro und nacheinander gingen Lucky, Tom, Marc und Nik auf die Bühne. Es folgte ein Knall und ich hörte den Anfang des ersten Songs. No Lovesong  – Der Hit, mit dem wir momentan Platz 1 in den Charts belegten. In vier Ländern!

Das war mein Einsatz.

Unter tosendem Applaus, viel Geschrei und Blitzlichtgewitter betrat ich die Bühne. Tausende leuchtende Smartphones wurden in die Luft gehalten. Dann richteten sich alle Scheinwerfer auf mich, blendeten, versperrten mir die Sicht auf das Publikum. Doch ich hörte es. Von überall ertönte mein Name. Dann begann ich zu singen und die Show begann.

Wie immer lieferten wir ab.

Ein perfekter Auftritt.

 

Wir stürmten siebzig Minuten später von der Bühne und bekamen Backstage direkt kühles, erfrischendes Bier in die Hand gedrückt. Sogar Carol stieß mit uns an, zwar mit einer Cola Zero, aber immerhin. Auch sie schien zufrieden mit uns und unserer Leistung zu sein. Ich wischte mir mit einem Handtuch den Schweiß von der Stirn und gab Marc neben mir ein High Five. Das war es, wofür ich lebte. Die Musik. Die Konzerte in ausverkauften Hallen. Ich ging wieder voll in meinem Hochgefühl auf. Mein Herz raste noch immer und ließ Endorphine durch meine Blutbahn rasen. Wenn es mir immer so gehen würde, dann wären Drogen unnötig. Diese Euphorie hielt allerdings nie lange an. Meist kam der Dämpfer schnell.

»Tom, geiler Auftritt!« Ich legte ihm einen Arm um die Schultern und hielt ihm meine Bierflasche entgegen. »Prost!« Niemand hatte mit seiner Reaktion gerechnet. Dumm wie ich war, ich am wenigsten. Er schubste mich brutal von sich, sodass ich gegen Lucky stolperte, der vor Überraschung sein Bier ausspuckte. Meines schäumte dafür über und versaute meine neuen Schuhe. Na klasse.

»Fass mich nicht an«, schrie er wie ein Wahnsinniger mit hochrotem Kopf.

»Bist du jetzt komplett am Abspacken, oder was? Alter, reiß dich mal zusammen!« Ich war stinksauer und fixierte Tom mit meinem zornigsten Blick. Seine Augen wirkten müde und waren blutunterlaufen. Wann hatte er das letzte Mal eine Nacht lang durchgeschlafen? Er sah echt fertig aus. Tom ging einen Schritt auf mich zu und packte mich grob am Kragen.

»Reiß du dich mal zusammen! Das nächste Mal, wenn du mich anfasst, bekommste aufs Maul, hast du mich verstanden?« Ich nickte nur, denn Tom hatte mich mit seinem wahnsinnigen Blick echt eingeschüchtert. Wenn ich jetzt nicht ruhig blieb, würde er mir die Abreibung meines Lebens verpassen. Ich glaube, er wünschte sich in dem Moment, dass ich ihm einen Grund geben würde. Das sah ich ihm an. Die Hand an meinem Kragen zitterte und er hatte die Zähne vor Zorn fest zusammengebissen. Sein Kiefer war angespannt. Okay, Tom machte mir gerade wirklich Angst. Er starrte mich noch ein paar Sekunden schweigend an, dann stieß er mich von sich, drehte sich um und ging.

»Was geht denn mit dem?« Marc stand plötzlich hinter mir und schaute Tom fassungslos hinterher. »Der verhält sich schon die ganze Zeit so seltsam. Ist was passiert?«

»Kein Plan, der spinnt. Ich hau ab.« Marc schlug mir aufmunternd auf die Schulter und wuschelte mir einmal durchs Haar.

»Mach dir keinen Kopf, der Idiot kriegt sich wieder ein.« Marc klang zuversichtlich. Ich grinste gezwungen und nahm mir noch eine Flasche Bier aus dem Kasten hinter mir. Für den Weg.

»Jo, Marc, passt schon. Bis morgen dann …«

»Zwölf Uhr im Bandhaus, komm pünktlich! Wenn wir fleißig proben, dürfen wir abends auch ein wenig feiern.«

»Klar, Ciao.«

 

 

Die Probe lief beschissen.

Richtig beschissen!

Wir kamen irgendwie nicht richtig voran. Und ja, es war meine Schuld. Ich war nicht ganz da. Körperlich war ich zwar anwesend, aber das wars dann auch schon. Ich hatte Texthänger, versemmelte Töne und verpasste Einsätze. Das volle Programm. Wie ein Anfänger.

»Okay Jungs, so macht das keinen Bock, ich geh eine rauchen.« Nik legte genervt seine Gitarre zur Seite und stampfte aus dem Proberaum. Lucky warf seine Drumsticks daneben und tat es ihm gleich. Jetzt waren auch noch alle sauer auf mich. Als ob ich nicht schon genug Scheiße an der Backe hätte. Ich sank neben dem Mikro hinab, setzte mich auf den staubigen Boden und umklammerte meine Knie.

»Wollt ihr was trinken?« Ich schaute zu Marc, der neben mir Stand und zu mir hinabblickte. Der einzige Freund, den ich hatte. Und wenn ich nicht aufpasste, würde ich es mir mit ihm auch noch versauen. Was war nur los mit mir? Die ganze Sache mit Tom, das schlechte Gewissen Marc gegenüber wegen Inga … Ich war vollkommen neben der Spur. Ich wusste nicht, wann es mir das letzte Mal so schlecht ging. Ich wusste nicht, wann ich mich das letzte Mal so sehr nach Drogen gesehnt hatte. Und das war scheiße. »Josh?«

»Ne Coke, bitte.« Marc nickte und fuhr sich mit der rechten Hand durchs Haar. »Alles okay bei dir?«

»Ja, Mann …« Ich wollte mich gar nicht so genervt anhören. Ich wusste ja, dass sich Marc nur Sorgen machte und mir ansah, dass etwas nicht stimmte. Er kannte mich zu gut und zu lange. Wenn ich nicht mal mehr die Musik auf die Reihe bekam, dann lief irgendetwas gewaltig schief. Aber Marc nickte nur und verließ den Proberaum dann ebenfalls. Sollte er doch draußen mit den Anderen über mich ablästern. Mit mir war heute eh nichts anzufangen. Ich nervte mich selbst.

»Verdammt!« Ich sprang auf und kickte eine leere Wasserflasche vor mir weg, die lautstark gegen einen Verstärker knallte. »Fuck!« Ich würde mich am liebsten selbst boxen. Aber eigentlich war es ja nicht alleine meine Schuld. Immerhin hatte ich ja versucht, das Problem aus der Welt zu schaffen. Ich hatte mehrfach das Gespräch mit ihm gesucht. Nicht ich war hier die Pussy!

»Du bist schuld!« Ich drehte mich abrupt zu Tom um, der unbeeindruckt hinter mir saß und mich nicht mal eines Blickes würdigte.

»Fresse!«

Es reichte. Ich sprang über den Verstärker und eine Kiste Bier, bis ich Tom in seiner kleinen Nische erreichte. Dieses Mal war ich es, der ihn am Kragen packte und ihn in die Höhe zog. Bis ich ihm in die Augen sehen konnte.

»Verdammt Tom, das geht so nicht. Wir müssen das klären.«

»Du kannst das nicht einfach klären und aus der Welt schaffen. Weil es verdammt noch mal da ist und zwischen uns steht!«, schrie er mir ins Gesicht.

»Aber wir sind in einer Band. Kollegen. Wir machen so alles kaputt. Gerade jetzt, wo wir endlich erfolgreich sind. Kannst du es nicht einfach gut sein lassen. Es vergessen?«

»Was vergessen? Ich kann mich an so gut wie nichts erinnern. Ich weiß ja nicht mal, ob mein Arsch noch Jungfrau ist oder ob du blöder Wichser mich gefickt hast!« Seine harten Worte erschraken mich. Zumal ich nicht geahnt hatte, dass er sich in seinem Ego wirklich so angegriffen fühlte. Denn das war es, was ich in seinem Gesicht sah. Kränkung.

»Und wenn schon … das wird nie jemand erfahren. Hoffe ich zumindest. Ich mache mir viel mehr Gedanken darüber, was Marc sagen würde, wenn er …«

»Bitte was?« Plötzlich stand Lucky in der Tür. In der Hand hielt er eine Flasche Cola. Sein Mund stand vor Überraschung sperrangelweit offen. »Hab ich das gerade richtig gehört?« Ich sprang drei Schritte nach hinten und brachte Abstand zwischen Tom und mich. Tom sackte wieder auf seinem Hocker zusammen und schien unter Schock zu stehen. Zumindest sah er so aus, als würde er gleich ohnmächtig werden.

»Ähm Lucky … was genau hast du ähm … seit wann stehst du schon …«

»Tom, du bist schwul?«

»Nein, verdammt!« Tom schrie ihm die Worte entgegen und hatte schon wieder diesen panischen Gesichtsausdruck. »Kein bisschen!«

»Tom, ist doch nicht schlimm.« Lucky zuckte mit den Schultern und dachte wohl, er musste jetzt Verständnis zeigen oder so. Aber das war dermaßen fehlangebracht. Das war alles so absurd. Alles hier!

»Lucky, lass stecken. Wir haben keinen Plan, was in der Nacht abgegangen ist.«

»Außerdem waren wir nicht alleine, ein Mädel war auch dabei, also war das keine Homo-Sache, okay?«, brach es geradezu aus Tom heraus. Lucky verzog ehrfürchtig das Gesicht und pfiff zwischen den Zähnen.

»Ihr Tiere, ein Dreier also …« Was genau war eigentlich mit dem schüchternen Lucky los? Hatte er gerade tatsächlich Respekt vor uns? Ich musste grinsen, was Tom schon wieder zornig dreinblicken ließ.

»Ja Josh, du findest das lustig. Für dich ist das ein Spiel, oder?«

Lucky stellte sich zwischen uns. Er spürte, dass Tom schon wieder kurz vorm Explodieren war.

»Tom, da ist doch nichts Schlimmes dran, das macht doch jeder mal.« Tom schaute Lucky an, als ob er ein Gespenst wäre. Oder etwas anderes Übernatürliches. Weil ein »das macht doch jeder mal« aus Luckys Mund ziemlich seltsam und mehr als unerwartet war.

»Ach haltet doch euer Maul! Beide!«

Daraufhin ging er und ließ mich mit Lucky zurück.

»Und du kannst dich wirklich an nichts mehr erinnern?« Ich zog eine Augenbraue in die Höhe und betrachtete Lucky von der Seite. Natürlich wusste ich keine Details. Nur Kleinigkeiten. Kurze Sequenzen. Berührungen, Geräusche, nichts Genaues. Alles war unscharf und irgendwie weit entfernt. Surreal.

»Nichts«, log ich.

Er nickte nur und boxte mir mit einem verständnisvollen Gesichtsausdruck auf die Schulter. Dann gab er mir die Cola Flasche, die er schon die ganze Zeit bei sich trug.

»Von Marc, er fährt mit Lisa noch runter Bier holen.«

»Bier hört sich gut an.« Lucky grinste und kramte dann nach seinem Handy, das vibrierte. Ich sah das Display aufleuchten. Er nahm das Telefonat entgegen, nickte mir kurz zu und verließ dann den Raum. Ob er wohl eine Freundin hatte? Ich zuckte mit den Achseln, öffnete die Cola und nahm einen Schluck. Naja … wenn er es uns erzählen wollte, würde er irgendwann von sich aus mit ihr hier ankommen. Oder eben nicht. Ich seufzte und leerte die Coke zur Hälfte und drehte den Deckel wieder zu.

Momentan lief alles aus dem Ruder. Ich hasste das! Das tat mir nicht gut. Ich brauchte geregelte Abläufe, ein bisschen heile Welt. Dazu gehörten meine Bandkollegen und die Musik. Ich hatte aber gerade das Gefühl, dass das alles auf der Kippe stand.

Und wo stand ich?

 

Wie spät es wohl mittlerweile war?

Ich saß hinter dem Bandhaus auf dem Boden. Unter mir hatte ich einen Karton ausgebreitet, damit ich mir nicht meinen Arsch und zudem auch noch die Eier abfror. Doch eigentlich spürte ich die Kälte kaum. Was wohl an der halben Flasche Jack Daniels lag, die ich intus hatte. Und zusätzlich noch so um die zehn Schnäpse. Irgendwas gift-grünes, das Nik mitgebracht hatte und nach Pfefferminz schmeckte. Naja … und dann noch ein paar Bier. Oh Mann … wenn ich etwas tat, dann richtig.

Drinnen wurde gefeiert. Ich hörte Musik. Irgendein Vollidiot hatte unser Album aufgelegt. Wer war Narzisst genug, um sich seine eigene Musik anzuhören? Ich musste grinsen und schnaubte belustigt.

Garantiert Tom.

Wobei … Von seinem übermäßigen Selbstvertrauen war in den letzten Tagen nicht mehr viel übrig geblieben. Dann war es wahrscheinlich Lisa, oder am Ende sogar Inga. Denn auch sie war heute auf dieser kleinen intimen Feier aufgetaucht. Was für mich Anlass genug war, mich abzuschießen. Ich lehnte mich zurück. Das nasse Gras war kalt und pikste mich an den Ohren. Aber das war mir egal. Ich betrachtete die Sterne, aber irgendwie konnten die mich heute auch nicht beruhigen. Das könnte wohl nur eine Sache. Und ich hatte mir geschworen, es mit den Drogen erst mal sein zu lassen! Der Absturz mit Tom war ja wohl Warnung genug gewesen.

»Scheiß Pardy, ey!«

Ich erschrak. Tom stand plötzlich neben mir und kickte mir sachte mit der Schuhspitze in die Seite.

»Scheiß Party«, gab ich ihm recht und setzte mich etwas auf. Ich hatte ein seltsames Gefühl dabei, ihm so ausgeliefert zu sein. Am Ende würde er mich doch noch hier zusammentreten. Tom war manchmal unberechenbar und ich zu besoffen, um mich zu wehren.

Doch Tom setzte sich neben mich. Er musste wohl ebenfalls ziemlich gebechert haben. Sein Blick war glasig und die Flasche in seiner Hand sprach Bände.

»Is das Wodka?« Die braune Färbung gab mir Rätsel auf, daher wollte ich lieber mal nachfragen.

»Mit bissi Cola, damits nicht allsu scheiße schmeggt, willste?« Er hielt mir die Flasche entgegen und ich griff dankbar zu. Ich nahm einen kräftigen Schluck und wischte mir danach den Mund mit dem Ärmel meines Mantels ab.

»Viel liewer würd ich jetzt was kiffen«, sagte Tom und sprach mir dabei aus der Seele. Ich nickte zustimmend. Wir blickten beide in die Ferne, sahen aber nichts, außer ein paar Bäume im näheren Umkreis. Dahinter war nur Dunkelheit. Als wäre die Welt um uns untergegangen und nur noch dieses kleine Fleckchen Erde war bewohnt.

»Awer wir solltns liewer lassn. Letztes Mal hattn wir noch Glück, dass Carol nix jemerkt hat.«

»Wir hattn also Glück?« Tom lachte mit einem verächtlichen Unterton auf und trank wieder von der braunen Flüssigkeit. »Glück …« Er schüttelte den Kopf und seufzte laut auf.

Ich sagte nichts. Ich hätte auch nicht gewusst, was. Eigentlich war alles gesagt. Ich würde es jetzt einfach gerne darauf beruhen lassen und fertig! Wir konnten es nun mal nicht ändern. Die Sache war gegessen.

»Weißu, was mich so ferdich macht?«

Ich schaute Tom von der Seite an und zuckte mit den Achseln.

»Diese scheiß Unjewissheit!« Ich zog eine Augenbraue nach oben und wartete geduldig auf weitere Erklärungen. Wir beide tranken nochmals einen kräftigen Schluck. Ich den ekelhaften amerikanischen Whiskey, er seine widerliche Wodka-Cola-Plörre. Tom rülpste leise und fuhr dann fort.

»Ich möchts doch nur wissn. Mich erinnern. Einfach Jewissheit ham, dann kann ich auch damit lebn … irrendwie … vielleicht …« Gegen Ende wurden seine Worte immer leiser und undeutlicher. Ich nickte, da ich ihn verstand. Für mich war das nicht so das Problem, aber vielleicht, weil es mich einfach nicht so sehr beschäftigte. Weil ich es eigentlich nicht so schlimm fand. Es wäre zwar auch kein Grund für Luftsprünge, aber, um ehrlich zu sein, fand ich den Gedanken, mit Tom im Bett gelandet zu sein, nicht so abartig, dass er mir schlaflose Nächte bereiten würde. Das lag aber möglicherweise auch daran, dass ich beim Thema Sex schon immer etwas offener war. Von Anfang an habe ich mir mehr Gedanken über Inga und damit über Marc gemacht. Das mit Tom war okay. Was auch immer da gelaufen war, ich konnte damit leben.

»Awer vielleicht gibts ja eine Möchlichkeit … also vielleicht könn nwa uns ja doch noch an alls erinnern, wir müssn nur unser Hirn ausdricksn.«

»Also ich geb grad alls, um mein Hirn außer Jefecht su setzn.« Ich lachte kurz und tippe auf die nun fast leere Flasche Jacky. Tom stöhnte genervt und boxte mich unsanft in die Seite.

»Ich meins ernst … also hör mal su«, er drehte sich zu mir, sodass wir uns genau gegenüber saßen. Sein Oberkörper wankte wie ein Fähnchen im Wind hin und her. Er war mindestens genauso voll wie ich.

»Sprich«, forderte ich ihn auf und stieß dabei geräuschvoll mit meiner Flasche gegen seine.

»Sach jetzt ersmal nix und hör mir nur su. Ich denk, dass wa uns wieder erinnern, wenn was wiederholn.« Ich riss meine Augen überrascht auf. »Nich so, wie du denkst … ich mein, ich weiß ja auch nich … vielleicht einfach nur nen Kuss oder so.« Ich war mir nicht sicher, aber ich meinte, einen Hauch Röte auf seinen Wangen erkennen zu können. Das konnte aber auch am Alkohol liegen. Er schaute an mir vorbei. Irgendwohin in die Ferne. Ich starrte ihn weiter an und wartete darauf, dass er das alles als doofen Scherz enttarnte, wagte aber nicht, etwas zu sagen oder gar zu lachen. Ein falsches Wort und ich hätte wieder seine Faust im Gesicht. Dessen war ich mir sicher.

»Was sagsu?« Nun lag sein glasiger Blick wieder auf mir und ich? Ich nickte einfach nur. Denn irgendwie hörte sich das in meinem betrunkenen Kopf auch alles logisch an. Dem Hirn etwas Futter geben und dadurch vielleicht wieder die richtigen Rädchen in Bewegung bringen. Tom nickte ebenso und beugte sich dann so blitzschnell nach vorne, dass ich gar keine Chance gehabt hätte, ihm zu entkommen.

Unsere Lippen knallten schon fast brutal aufeinander. Tom packte mich im Nacken und nahm sofort an Geschwindigkeit auf. Ich versuchte irgendwie mitzuhalten, was nicht gerade einfach war. Meine Reaktionszeit war um einiges runtergesetzt. Ich spürte, dass er seine Lippen öffnete. Unsere Zähne stießen unangenehm zusammen und unsere Zungen berührten sich. Alles war seltsam feucht und asynchron. Der Geschmack, eine Mischung aus Wodka und Whiskey, verwirrte mich und machte mich schwindlig. Alles war so unkoordiniert und fast schon lustig. Einige Sekunden ließen wir unseren Zungen freien Lauf, bis Tom mich von sich stieß und sich den Mund mit den Handrücken abwischte.

Dann trafen sich unsere Blicke und wir starrten und skeptisch an.

»Neeeee!«

Wir schüttelten beiden den Kopf und lachten laut los.

»Alter, ich dacht echt, dassu besser küssen kanns. Bei den gansn Weibsjeschichtn«, neckte ich ihn.

»Spinnsu? Ich bin der ungekrönte Kuss-Tschämpjen. Du bis  voll de Schlabber-Spasst«

»Nix da, du hasts voll nich drauf!« Wir lachten beide und stießen dann nochmal mit unseren Flaschen an, die wir anschließend in einem Zug leerten.

»Ich steh auf Tiddn, das is mir spädestens jetzt klar jewordn!«

»Glüggwunsch, Tom! Du bis nun endlich wieder janz offisiell heterooo.«

»Warich schon die janze Zeit.«

»Jaja, is klar …«

»Ihr zwei Turteltäubchen seid ja mal wieder echt putzig.« Wir schauten uns um und erblickten Inga. Tom rutschte von mir weg und hob beide Hände wie nach einem Foul beim Fußball. Ganz nach dem Motto »Ich hab nichts gemacht«.

Ich kicherte.

»Is nich das, wonachs …« Inga schüttelte nur den Kopf und lachte.

»Regt euch doch mal ab, ich erzähl nichts weiter. Viel Spaß noch, ihr zwei.« Daraufhin drehte sie sich mit wehendem Rock um und ging zurück ins Bandhaus.

»Fuck, die wird mich jetzt für den Rest meines Lebns für nen Homo haltn.

»Gibt Schlimmeres.«

»Pffft …«

 

 

Und die Moral von der Geschichte?

Am Ende war es uns dann doch ziemlich egal. Wir konnten uns immer noch nicht an die berüchtigte Nacht erinnern. Wir hätten natürlich auch einfach nochmal Inga fragen können, aber eigentlich war es vielleicht besser so. Für mich spielte es keine Rolle. Was wir aus der ganzen Misere mitnahmen, war die Tatsache, dass Drogen böse waren. Richtig böse! Ich hatte seitdem nichts mehr genommen. Also, außer dem legalen Zeug wie Alkohol und so. Tom kiffte immer noch ab und an, aber den harten Stoff hatte er, soweit ich wusste, nicht mehr angefasst. Ich glaube, seine Angst vor einem weiteren Blackout war einfach viel zu groß. Verständlich.

Unsere Freundschaft hingegen war unverändert.

Seltsam, außergewöhnlich, manchmal distanziert, aber tief.

 

 

»Tom, gehst du heute Abend auch auf die Party?«

»Hatte ich eigentlich vor. Ist immerhin mein Cousin.«

»Holst du mich ab, dann könnten wir gemeinsam hin?«

»Nee, ich hab schon ein Date. Also gibt’s heute keine Homo-Action«, sagte er mit einem teuflischen Schmunzeln im Gesicht.

Ich grinste. Mittlerweile war das so eine Art Insider zwischen uns. Wir konnten darüber lachen. Noch vor einigen Wochen hätte ich nie gedacht, dass Tom überhaupt jemals darüber Witze machen würde. Aber Tom war eben unberechenbar.

»Und welchem Kerl datest du heute?«

»Kerl … Pustekuchen … ich treffe mich mit Inga. «

Ich staunte nicht schlecht.

»Mit DER Inga?«

»Jap, anscheinend hat sie Interesse an mir oder sie macht sich Hoffnungen auf einen schwulen besten Freund. Mal sehen. Dann werde ich sie mit meinen Qualitäten wohl vom Gegenteil überzeugen müssen.« Tom zog die Augenbrauen anzüglich nach oben und grinste.

So wie ich Tom kannte, würde er bei ihr landen. Tom bekam immer das, was er wollte. Und eines musste man ihm lassen: Die Weiber flogen auf ihn!

Und ich? Ich würde wohl trotzdem zu der Party gehen. An einem freien Abend alleine zu Hause zu sitzen war ziemlich deprimierend. Ein paar kühle Bier in netter Gesellschaft war da definitiv die bessere Alternative. Und wer weiß … Vielleicht waren ja auch ein paar hübsche Mädchen da. Keine Groupies. Von denen sah ich auf Tour schon mehr als genug. Das war höchstens was fürs Bett, nicht fürs Herz. Ich brauchte jemanden, der mich als Mensch mochte, nicht als Popstar. Irgendwann würde ich so jemanden finden. Bestimmt.

Mal schauen, was der Abend so bringen mochte. Ich war bereit für das nächste Abenteuer.