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Pandemie und Zombies: Wir hätten nicht gedacht, dass es um Klopapier gehen würde.

von Claudia Rapp

Vor Allem aber hätten wir nicht gedacht, dass die Realität irgendwann unsere nette kleine Zombie-Reihe einholen würde. Die Zombie Zone Germany wurde 2013 von Torsten Exter ausgeheckt und 2014 gemeinsam mit dem Amrûn Verlag und seinem Verleger Jürgen Eglseer realisiert: Die Anthologie mit Kurzgeschichten aus einem abgeschotteten, von Zombies überrannten Deutschland erschien, weitere Bücher wurden geplant. In den folgenden Jahren ließen sich Autorinnen und Autoren wie Simona Turini (Trümmer, Frühjahr 2015), Vincent Voss (Tag 78, Herbst 2015), Jenny Wood (Letzter Plan, 2016), Carolin Gmyrek (Zirkus, 2017),  Matthias Ramtke (Blutzoll, 2018), Lisanne Surborg (Xoa, 2019), Thomas „der Wahnsinnige“ Williams (Fressen oder Gefressen werden, 2019) und Hanna Nolden (Hoffnung, Herbst 2020)  vielfältige Szenarien einfallen, in denen die Zombies gar nicht unbedingt immer die Hauptrolle spielen, denn im Grunde sind die Untoten ja nur plakative Katalysatoren, Kulisse und Auslöser für die Handlung. Eine Zombie-Apokalypse bietet ein Spielfeld, auf dem sich zwischenmenschliche, nur allzu menschliche Dramen, Tragödien, Thriller und manchmal auch Komödien darstellen lassen.

Wie gehen die Figuren in einer Geschichte mit der Ausnahmesituation um? Wer wird zum Helden, wer versteckt sich, wer rennt davon, wer kümmert sich um andere, wer versucht auch noch aus dieser aussichtslosen Lage Nutzen zu ziehen, wer überdenkt sein oder ihr bisheriges Leben?

Solche Fragen haben auch die Autorinnen und Autoren der jüngsten Veröffentlichung der Reihe geleitet, und die Antworten sind sehr unterschiedlich ausgefallen. Die zweite Anthologie dreht sich, wie der Untertitel schon sagt, um den Beginn. Um die ersten Tage und Wochen, in denen Zombies auftauchen, angreifen, immer mehr werden, und in denen Deutschland zur Zombie Zone Germany wird. Bei der Konzeption der Reihe war dieser Beginn auf Mai 2020 festgelegt worden. Die Geschichten für die neue Anthologie wurden teilweise bereits 2018, zum Großteil bis Sommer 2019 verfasst. Zur Leipziger Buchmesse im März 2020 sollte das Ding erscheinen.

Ist es auch. Nur gab es keine Buchmesse. Dafür haben wir jetzt Pandemie, und ein Buch voller eindrücklicher Storys über den Beginn einer Apokalypse scheint auf einmal viel zu nah dran an der Wirklichkeit. Oder? Vergleichen wir doch mal die Zombie Zone Germany mit unserer momentanen Corona-Welt.

Immerhin: Wenn wir vor die Tür gehen, jagen uns keine Untoten. Niemand erhebt sich aus dem Grab, niemand versucht uns zu fressen oder schlurft verwesend durch die Straßen. Eine Viruserkrankung entwickelt eben eine völlig andere Dynamik als der so oft in Film und Buch erzählte Kampf ums Überleben, der mit Schusswaffen und Baseballschlägern (oder Omas Gehstock) ausgefochten wird. Was wir gerade erleben, ruft nach völlig anderen Helden als den harten Einzelgänger-Schlägertypen, die wir alle so gut aus Computerspielen und dem Fernsehen kennen. Plötzlich merken viele erst, dass es neben Ärzt*innen, Pflegenden und Rettungsdienstmitarbeitern auch Supermarktkassierer und Regaleinräumerinnen, LKW-Fahrerinnen, Erntehelfer, Müllmänner, Paketzustellerinnen und viele weitere Menschen in oft mies bezahlten Jobs sind, die alles am Laufen halten.

Die Versorgungslage war durchaus auch häufig Thema in den Geschichten unserer Reihe. Hamstern und Plündern kommt dort vor, aber mal ehrlich: Wer hätte gedacht, dass das häufigste Gesprächsthema in Wirklichkeit Klopapier und Nudeln sind? Oder Hefe. Auf einmal backt halb Deutschland sein Brot selbst. Wer halbwegs nähen kann, näht Mundschutzmasken. Und alle hören einen Virologen-Podcast oder schauen allabendlich einem Pianisten beim Wohnzimmerkonzert zu.

Überhaupt, das Internet. In der Zombie Zone Germany bleiben uns Handy-Empfang, Internet und Strom nicht lange vergönnt. In der neuen Anthologie spielen zwar Twitter, Vlogs und Live-Übertragungen von Journalisten eine Rolle in einigen der Geschichten, aber da geht es ja auch nur um die ersten Tage. Mit all dem ist im ZZG-Universum relativ schnell Schluss. Wie würden wir wohl damit klarkommen, wenn der Strom der geteilten Informationen, lustigen Videos, Wortspiele, Klopapierwitze und Nähanleitungen für Masken plötzlich abbrechen oder versiegen würde?

Wenn wir wirklich jeder auf sich allein gestellt wären, wenn Social Distancing nicht nur körperlichen Abstand bedeuten würde, sondern unsere derzeit tatsächlich oft wunderbar sozialen Medien wegfielen? Der Austausch, die von Schauspielern und Autoren gelesenen Shakespeare-Sonette, die virtuelle Boyband-Reunion per Video, die WG, die berühmte Kunstwerke alter Meister mit Haushaltsgegenständen nachstellt, all die vorgelesenen Gutenachtgeschichten, die Buchtipps, die vielen, vielen E-Books, die gerade gekauft und heruntergeladen werden, um sich die Zeit in der Isolation zu vertreiben …

Ich glaube, das kam in unseren Geschichten nirgendwo so klar heraus wie gerade Tag für Tag im Internet: Wie sehr wir die Kreativen brauchen, die Musikerinnen, die Autoren, die Bastler, Zeichnerinnen, Sängerinnen, Hampelmänner, Entertainer – die mit Herz und die mit Verstand und die mit Humor. Sie halten uns bei Laune und bei Sinnen, bringen uns zum Weinen und zum Kichern, lassen uns fühlen, dass wir nicht allein sind.

Klar brauchen wir alle Klopapier. Und Nudeln. Hefe nicht unbedingt, ich habe heute auf Twitter gelesen, wie man oder frau die selbst einfängt, in den eigenen vier Wänden. Wir brauchen Brot, etwas zu essen. Aber wir brauchen auch diese andere Nahrung, die wir nicht essen können. Ich zumindest brauche ganz viel davon, und die Kreativen, die Verrückten, die Künstlerinnen und Quatschtüten, die sich jetzt alle zu Hause im Internet herumtreiben, die liefern rund um die Uhr.       

Mag sein, dass es sich unglücklich trifft, dass wir gerade jetzt ein Buch über den Beginn einer Zombie-Apokalypse herausgebracht haben. Aber wenigstens liefern wir damit auch Futter. Vielleicht gibt es ja einige unter euch, denen genau dieses Futter schmeckt. Draußen lauern keine Untoten, und mit dem Virus werden wir alle lernen zu leben. Denn es gibt noch einen wesentlichen Unterschied zwischen Fiktion und Realität: In der Zombie Zone Germany ist Deutschland abgeschottet; die Zombies treiben nur hier ihr Unwesen, und die Menschen wissen nicht, was jenseits der Grenzen überhaupt los ist. Corona betrifft dagegen die ganze Welt. Wir können voneinander lernen, uns gegenseitig helfen und vielleicht sogar gemeinsam die Welt verändern – denn jetzt zeigt sich auch, dass gar nicht alles so laufen muss, wie es vor dem Virus gelaufen ist. Die Krise birgt tatsächlich auch Chancen. Vor Allem aber lässt sie uns paradoxerweise gerade in unserer Abschottung, vor unseren Bildschirmen und Displays, im Austausch mit anderen im Internet, fühlen und erleben, dass wir da alle mit drinhängen. Dass wir nicht allein sind.

Lasst uns was daraus machen. Erst Hände waschen und in Ruhe ein paar gute Bücher lesen, dann eine bessere Welt erschaffen. Gemeinsam.

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